Mit althergebrachten Verfahren die Zukunft sichern
Vom Familienrezept zur bekannten Marke
„Die meisten Menschen haben wenig Ahnung von Sojasauce. Sie gilt als ein eher langweiliges Würzmittel: schwarz, salzig und ohne viele Geschmacksnuancen. Doch das stimmt nicht.“ Auf dieses Wissen setzte Ken Koh, Inhaber von Nanyang Sauce in dritter Generation, als er vor acht Jahren das damals verlustbringende Unternehmen mit Sitz in Singapur übernahm. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass Verbraucher von heute bereit sind, für hochwertige Sojasauce – traditionell hergestellt nach dem Geheimrezept, das in seiner Familie seit 19 Generationen weitergegeben wird – einen Aufpreis zu zahlen. Damit ist Koh erfolgreicher, als er je zu träumen gewagt hätte. Heute erwirtschaftet Nanyang Sauce Gewinne und ist in ganz Asien unter Feinschmeckern bekannt. Zudem gilt der Betrieb als Vorzeigeunternehmen für die handwerkliche Herstellung von Grundnahrungsmitteln wie Sojasauce. Dadurch ist Koh in den Medien der Region und darüber hinaus zu einem Star der Kulinarik-Szene geworden.
Sojasauce-Produktion mit langer Familientradition
Koh gelang es, das Familienunternehmen wieder auf Erfolgskurs zu bringen – doch sein Weg dahin war weder konventionell noch geradlinig. Doch zunächst zu den Anfängen: Im Zuge der weltweiten Turbulenzen während des Zweiten Weltkriegs wanderte Kohs Grossvater von China nach Singapur aus. Seine Vorfahren hatten seit Generationen selbst Sojasauce zubereitet, und er brachte ein Glas Koji mit nach Singapur – das ist ein Pilz, der in China und Japan zur Fermentierung von Lebensmitteln verwendet wird, insbesondere zur Herstellung der würzigen Sauce aus Sojabohnen.
In Singapur begann der Grossvater mit der Herstellung von Sojasauce für Restaurants und Händler. Koh erinnert sich, wie er ihn als Kind besuchte und das traditionelle Produktionsverfahren kennenlernte. Mit dieser Methode dauert es neun Monate, bis aus den Bohnen Sojasauce geworden ist. Mit industriellen Verfahren geht dies hingegen in weniger als einer Woche.
Wir waren in einer Pattsituation. Um mit den grossen Marken mithalten zu können, durfte der Preis unserer Sojasauce nicht steigen.
Als sein Grossvater starb und der Betrieb an die nächste Generation ging, war Koh erst 12 Jahre alt. Er schloss seine Ausbildung ab und machte sich mit einem Schulungsbetrieb für Studenten und Führungskräfte selbstständig. Ursprünglich hatte er nicht vor, in das Familienunternehmen einzusteigen, gibt er zu. „Doch dann sah ich, dass sich die Generation meiner Eltern (konkret meine ebenfalls im Unternehmen tätigen Onkel) altersbedingt aus dem Arbeitsleben zurückziehen wollten“, erklärt er, „und niemand aus meiner Generation wollte die Nachfolge antreten.“
Bei Kohs Einstieg befand sich das Unternehmen in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage und schrieb laufend rote Zahlen. „Wir waren in einer Pattsituation. Um mit den grossen Marken mithalten zu können, durfte der Preis unserer Sojasauce nicht steigen. Doch die Kosten für die Zutaten stiegen, und die Gewinnspanne ging zurück.“ Zudem dauerte die Herstellung bei ihnen 40 Mal länger, da die Sojasauce von Hand hergestellt und auf traditionelle Art fermentiert wurde.
Neupositionierung eines verlustbringenden Betriebs als Premiummarke
Koh erkannte die Chance, den langsamen Produktionsprozess – bis dahin eine Belastung für das Unternehmen – in einen Vorteil umzumünzen: Da natürliche Lebensmittel und Herstellungsverfahren zunehmend geschätzt wurden, liesse sich das Produkt zu einem höheren Preis verkaufen.
Er stiess jedoch auf Widerstand seitens der älteren Generation, die noch immer das Sagen hatte, und das Geschäft entwickelte sich weiter rückläufig. Einige Jahre später beschloss die Familie, den Unternehmenssitz zu verkaufen, und Koh wurde mit der Abwicklung beauftragt. „Also fand ich einen Käufer, er legte ein Angebot vor, dem wir zustimmten, eigentlich war schon alles unter Dach und Fach – und dann änderten sie im allerletzten Moment aus irgendeinem Grund ihre Meinung. Für mich war es ein Fingerzeig des Himmels, dass der Verkauf wieder vom Tisch war.“
Damals versuchte Koh die Familienoberhäupter von seinem Vorhaben zu überzeugen, eine Reihe besonders hochwertiger, lang gereifter Sojasaucen herzustellen und zu vertreiben. Er spricht offen darüber, wie schwierig die familieninternen Gespräche in dieser Phase waren, da in der südostasiatischen Kultur die Vorgehensweise älterer Verwandter nicht in Frage gestellt wird. Es gab erheblichen Widerstand seitens bestimmter Familienmitglieder. Schliesslich willigten sie ein – unter der Bedingung, dass er seine Pläne unter einem neuen Markennamen, Nanyang Sauce, umsetzt, „damit ich die bestehende Abläufe nicht störe.“
Es gab weder ein ordentliches Buchhaltungssystem, noch ein Warenwirtschaftssystem, auch keine Unternehmenssoftware – alles basierte auf Vertrauen.
„In den ersten ein, zwei Jahren war ich viel als Markenbotschafter unterwegs und veranstaltete Workshops“, erzählt er. „Meine Umsätze stiegen. Und irgendwann kam der Moment, an dem ich – angesichts unserer begrenzten Produktionskapazitäten (in beiden Unternehmen) – mit der Familie über eine Fusionierung des alten und des neuen Unternehmens reden musste. Das war eine Herausforderung.“ Viele Abläufe im alten Unternehmen stammten noch aus der Zeit vor der Digitalisierung. „Es gab weder ein ordentliches Buchhaltungssystem, noch ein Warenwirtschaftssystem, auch keine Unternehmenssoftware – alles basierte auf Vertrauen.”
Koh erzählt von einem „sehr schwierigen Gespräch“, in dem er darauf hinwies, dass das alte Familienunternehmen nach wie vor rote Zahlen schrieb und der gesamte Betrieb umgestaltet werden müsse. Das älteste im Unternehmen tätige Familienmitglied, damals etwa 70 Jahre alt, lehnte Kohs Vorschlag kategorisch ab und entschied sich, in den Ruhestand zu gehen. „Auf diesen Moment blicke ich ganz bestimmt nicht mit Glück oder Stolz zurück; bis heute wünschte ich, er hätte es nicht getan“, so Koh. „Doch mit den anderen Familienmitglieder war es unkompliziert, insofern hatte ich Glück, und ich bin dankbar. Im Umstrukturierungsprozess mussten wir einige Verluste hinnehmen. Dadurch standen aber zumindest alle hinter mir, und aus den beiden Unternehmen wurde eines.“
Ein Familienunternehmen für die nächste Generation modernisieren
Seitdem repräsentiert Koh das Unternehmen, und de facto leitet er es auch. Zudem hat er die nächste Generation im Blick: Sowohl seine neunjährige Tochter als auch sein sechsjähriger Sohn verbringen bereits Zeit im Betrieb. Seine Tochter, so sagt er, „liebt Sojasauce – sie kommt in die Fabrik, wann immer sie Schulferien hat, und hat genauso viel Spass dort wie ich in meiner Jugend.“
Neben vertikaler Integration – das Unternehmen baut in Bhutan selbst Sojabohnen an – setzt Koh auch auf Diversifizierung. Dazu gehören innovative Produktlinien wie das Salz, das beim Fermentationsprozess als Nebenprodukt anfällt und als Delikatesse vermarktet wird, sowie die Hautpflegemarke KITKOJI, die Wirkstoffe aus fermentierten Sojabohnen enthält, welche Koh zufolge nachweislich einen kosmetischen Nutzen bieten. Und so wird die nächste Generation aller Voraussicht ein viel breiter aufgestelltes Unternehmen übernehmen als den ursprünglich bescheidenen Produktionsbetrieb für Sojasauce.
Eckdaten der Firmengeschichte
Ken Kohs Grossvater, Tan Tiong How, zieht mit einem Glas Koji-Schimmelpilz im Gepäck von China nach Singapur und beginnt, Sojasauce nach dem Rezept seiner Grossmutter zu fermentieren.
Tür-zu-Tür-Vertrieb der hausgemachten Sojasauce von seinem dreirädrigen Kfz aus.
Gründung der Nanyang Sauce Factory aufgrund steigender Nachfrage; Verkauf von Sojasauce unter dem Markennamen „Golden Swan“.
Übernahme des Unternehmens durch die zweite Generation nach dem Tod von Kohs Grossvater (Koh war damals gerade einmal 12 Jahre alt).
Koh wird Geschäftsführer von Nanyang Sauce, seiner eigenen Marke für Premium-Sojasauce, die in derselben Fabrik wie das ursprüngliche Familienunternehmen produziert wird.
Angesichts der steigenden Umsätze von Nanyang Sauce überzeugt Koh seine Familie davon, die beiden Unternehmen zu fusionieren – und übernimmt de facto die Leitung in dritter Generation.
Koh ist Mitbegründer von Kitkoji, einer Serie von Hautpflegeprodukten, bei denen Wirkstoffe zum Einsatz kommen, die bei der Produktion seiner Sojasauce anfallen. Darüber hinaus verkauft er das Salz, das bei der Fermentation als Nebenprodukt entsteht.
Das Unternehmen wächst weiter und ist mittlerweile in kulinarischen Kreisen in ganz Asien für die Qualität seiner Produkte und als Vorreiter einer handwerklichen Herstellungsweise bekannt. Derweil gefällt es Kohs kleinen Kindern, der vierten Generation, Zeit in der Fabrik zu verbringen.