Beim Geld der Zukunft gehen die USA und Europa verschiedene Wege

Stablecoins versus digitaler Euro

Durch die rasante Digitalisierung im Finanzbereich sind Stablecoins und digitale Zentralbankwährungen (Central Bank Digital Currencies, CBDC) zu einem wichtigen Thema in der globalen Wirtschaft geworden. Stablecoins, also digitale Assets, die darauf ausgelegt sind, einen stabilen Wert zu halten, haben ein explosionsartiges Wachstum verzeichnet. Dies erfordert neue Regulierungskonzepte und wirft gewichtige Fragen nach den Auswirkungen auf Finanzstabilität, Geldpolitik und das internationale Währungssystem auf. Gleichzeitig prüfen Zentralbanken die Einführung digitaler Währungen, um ihre Währungssouveränität zu wahren und auf Veränderungen in der Zahlungsverkehrslandschaft zu reagieren.
©Topographies of Fragility XXI (2020), Fine-Art-Print auf Hahnemühle Photo Rag*

Unterschiedliche Vorstellungen von digitalem Geld

Die USA und Europa gehen hierbei verschiedene Wege. Die USA setzen vorrangig auf USD-gedeckte Stablecoins des privaten Sektors, um den Dollar zu stärken, während die Europäische Union (EU) einen zentralisierten digitalen Euro favorisiert, um ihre Souveränität und finanzielle Stabilität zu sichern. Stablecoins besetzen mittlerweile eine einzigartige Position an der Schnittstelle zwischen digitalen Assets, Devisenmarkt, Zahlungsinfrastruktur und Geldpolitik.

Wenn sie auf breiter Front als Geld – also als Rechnungseinheit, Tauschmittel und Wertspeicher – eingeführt werden, könnten sich tiefgreifende Auswirkungen auf das globale Finanzsystem ergeben.

Gesamtmarktkapitalisierung

Quelle: DeFiLlama, Stand: 30.06.2026.

Stablecoins sind digitale Assets, die von Privatunternehmen ausgegeben werden und darauf ausgelegt sind, einen stabilen Wert zu halten; meist sind sie im Verhältnis 1:1 an den US-Dollar gekoppelt. Der Wert und Reiz von Stablecoins, die an herkömmliche Währungen gebunden sind, hängt davon ab, ob der Emittent sie zum Nennwert einlösen kann, aber auch vom Vertrauen der Öffentlichkeit in den als Deckung dienenden Basiswert und in die Referenzwährung. Im Juli 2025 verabschiedeten die Vereinigten Staaten den GENIUS Act (Guiding and Establishing National Innovation for US Stablecoins Act) und schufen damit den ersten umfassenden bundesweiten Regulierungsrahmen für Zahlungs-Stablecoins.

Vier Haupttypen von Stablecoins

Quelle: CoinGecko, DefiLlama, US-Finanzministerium, Brookings, Goldman Sachs GIR, 2025.

Das Gesetz verlangt eine 1:1-Deckung durch hochwertige liquide Vermögenswerte – wie Cash, Bankeinlagen und kurzfristige US-Treasuries –, schreibt die Einlösung zum Nennwert vor, legt strenge Compliance-Anforderungen fest und schafft klare Regelungen für Lizenzierung und Aufsicht. Es verbietet Emittenten, Zinsen oder Erträge an Stablecoin-Inhaber auszuzahlen, und stellt klar, dass gesetzeskonforme Stablecoins weder Wertpapiere noch Rohstoffe sind, was für Rechtssicherheit sorgt und damit das Vertrauen institutioneller Anleger stärkt.

Der Siegeszug regulierter Stablecoins

Anfang 2026 kamen Stablecoins auf eine Marktkapitalisierung von insgesamt rund USD 320 Mrd. Dies ist wesentlich mehr als die knapp USD 50 Mrd. nur wenige Jahre zuvor, doch im Vergleich zu den rund USD 8 Bio. an US-Bankeinlagen immer noch bescheiden. Im Vergleich dazu hat der breitere Markt für Kryptowerte häufig die Marke von USD 2 Bio. überschritten. Optimistischen Analysten zufolge könnte der Stablecoin-Markt bis 2030 um das Fünf- bis Zwölffache wachsen und ein Volumen von USD 2 Bio. bis USD 4 Bio. erreichen. Konservativere Schätzungen gehen von einer eher stetigen Zunahme auf einige hundert Milliarden bis in den niedrigen Billionenbereich aus.

  • ~35
    Bio. USD
    Transaktionsvolumen aller Stablecoins im Jahr 2025

Das Gesamtvolumen der Stablecoin-Transaktionen erreichte im Jahr 2025 etwa USD 33 Bio. bis USD 35 Bio. Allerdings entfällt hiervon der grösste Teil auf den Kryptohandel. Die eigentlichen realwirtschaftlichen Zahlungsströme im Jahr 2025 werden auf lediglich etwa USD 390 Mrd. geschätzt – ein winziger Bruchteil des Bruttovolumens und im Vergleich zu herkömmlichen Zahlungssystemen wie Visa oder Mastercard zu vernachlässigen. Die Nutzung konzentriert sich nach wie vor stark auf den Kryptohandel und auf die Rolle als digitaler Dollarersatz oder Offshore-Wertspeicher, insbesondere in Schwellenländern. Rund 98% der Stablecoins lauten auf US-Dollar, und schätzungsweise zwei Drittel der Bestände werden von Privatpersonen in Schwellenländern gehalten.

Eine weite Verbreitung in Schwellenländern dürfte die internationale Dominanz des US-Dollar weiter stärken. Stablecoins bieten einen reibungslosen Offshore-Zugang zu Dollarliquidität, senken die Hürden für den grenzüberschreitenden Einsatz von Dollar und umgehen traditionelle Bankkanäle. Dies kann gleichzeitig – durch drohende Kapitalflucht oder Abweichungen von der Parität – die Landeswährungen schwächen und die Dominanz des Dollar vergrössern.

Stablecoins können die geldpolitische Transmission erschweren, wenn nicht sogar schwächen. Eine grossflächige Umschichtung von Bankeinlagen in unverzinsliche Stablecoins kann die Abhängigkeit der Banken von der Wholesale-Refinanzierung erhöhen und in einigen Fällen die Wirkung von Leitzinsänderungen verstärken. Gleichzeitig dämpfen unverzinsliche Stablecoins die Wirkung des Zinskanals, weil Leitzinsänderungen die Inhaber nicht direkt betreffen. In Schwellenländern birgt die extensive Verwendung von USD-Stablecoins die Gefahr, dass sich die „reale Dollarisierung“ beschleunigt, weil sie zunehmend als Tauschmittel und Rechnungseinheit dienen. Die Folge wäre eine Aushöhlung der Souveränität über die eigene Währung und eine Schwächung der geldpolitischen Transmission im Inland.

  • ~390
    Mrd. USD
    Tatsächliche Zahlungsströme für realwirtschaftliche Verwendungszwecke gemäss Schätzungen von 2025
Was sind Stablecoins?

Quelle: CoinGecko, DeFiLlama, US-Finanzministerium, Brookings, Goldman Sachs GIR, 2025.

Stablecoins besetzen mittlerweile eine einzigartige Position an der Schnittstelle zwischen digitalen Assets, Devisenmarkt, Zahlungsinfrastruktur und Geldpolitik.

Finanzpolitisch sind die Auswirkungen von Stablecoins zwiespältig. Positiv ist, dass Stablecoin-Emittenten mittlerweile US-Treasuries im Wert von rund USD 200 Mrd. halten, womit sie unter den grössten Gläubigern der USA weltweit auf Platz 18 stehen. Eine weite Verbreitung von Stablecoins könnte die Nachfrage nach Staatsanleihen ankurbeln und den Staaten dadurch etwas geringere Kreditkosten und etwas mehr finanzpolitischen Spielraum bescheren. Negativ ist dagegen, dass bei der Verdrängung von Bargeld durch Stablecoins die Gewinne aus der Geldschöpfung (Seigniorage) von den Zentralbanken auf private Stablecoin-Emittenten übergehen würden. Ausserdem können öffentliche Blockchains die Steuerhinterziehung oder -vermeidung erleichtern, und eine plötzliche Massenflucht aus Stablecoins könnte Zwangsverkäufe von Reservewerten – vor allem Treasuries – auslösen, was zu Marktverwerfungen führen und den Fiskus teuer zu stehen kommen könnte.

Der rasante Aufstieg der US-Stablecoins, den die Trump-Regierung kräftig unterstützt, hat in Europa Fragen und Bedenken ausgelöst. Auf Euro lautende Stablecoins spielen mit einer Marktkapitalisierung von weniger als EUR 500 Mio. nach wie vor kaum eine Rolle. Während sich die USA für einen liberalen Rechtsrahmen entschieden haben, hat die EU einen deutlich strengeren und konservativeren Kurs gewählt, denn die Verordnung über Märkte für Kryptowerte (MiCA-Verordnung) aus den Jahren 2024–25 priorisiert die Erhaltung der Finanzstabilität und der Währungssouveränität der EU.

  • ~98%
    Anteil der auf USD lautenden Stablecoins

Der digitale Euro

Die Dominanz von dollargedeckten Stablecoins in Europa und deren potenzielle Auswirkungen auf die Währungssouveränität haben die Europäische Zentralbank (EZB) zu kritischen Äusserungen veranlasst. Als Reaktion hat sie den digitalen Euro als Alternative zu Stablecoins im Euroraum vorgeschlagen. Der digitale Euro ist eine digitale Zentralbankwährung, die der Öffentlichkeit Zugang zu elektronischem Zentralbankgeld verschaffen und das herkömmliche Bargeld ergänzen soll. In einer zunehmend digitalen Zahlungsverkehrslandschaft, in der die Bargeldnutzung immer mehr abnimmt und bei Retail-Zahlungen oft private – und häufig aussereuropäische – Anbieter dominieren, soll er in erster Linie sicherstellen, dass die Bürger weiterhin Zugang zu risikofreiem öffentlichem Geld haben.

Die Hauptziele des digitalen Euro bestehen darin, die Rolle des Euro als monetären Anker zu erhalten und die Währungssouveränität zu sichern. Zudem soll die Initiative für mehr Wettbewerb und Innovation im Zahlungsverkehrssektor sorgen, die finanzielle Inklusion fördern und sicherstellen, dass grundlegende Zahlungsdienste breit zugänglich und erschwinglich bleiben. Ausgegeben würde die digitale Währung von der EZB, und für Verteilung, Kunden-Onboarding und Front-End-Dienste wie Karten und Apps wären Geschäftsbanken und Zahlungsdienstleister zuständig.

Wirtschaftlich könnte der digitale Euro mit mehreren Vorteilen punkten. Als sicheres, standardisiertes und breit verfügbares Abwicklungsmedium würde er dazu beitragen, das Vertrauen in Zentralbankgeld im digitalen Zeitalter zu erhalten. Zudem könnte er Zahlungen verbilligen, als zusätzlicher Zahlungskanal die Widerstandsfähigkeit des Zahlungssystems stärken und die Abhängigkeit von aussereuropäischen Zahlungsinfrastrukturen verringern. In diesem Sinne gab Piero Cipollone von der EZB kürzlich in einer Rede zu bedenken1: „Fast zwei Drittel der Kartentransaktionen im Euroraum werden von aussereuropäischen Unternehmen abgewickelt, und 13 Länder des Euroraums sind bei Zahlungen im stationären Handel vollständig von internationalen Kartensystemen oder mobilen Lösungen abhängig.“

Der digitale Euro weckt aber auch Sorgen um die Finanzstabilität. In Zeiten von Marktstress könnten Privathaushalte Gelder rasch von Bankeinlagen in digitale Euro umschichten und damit Bankruns verstärken und die Refinanzierungskosten der Banken in die Höhe treiben. Um solchen Risiken entgegenzuwirken, sieht das aktuell diskutierte Konzept individuelle Haltegrenzen vor. Möglich wäre auch eine Schlechterstellung gegenüber herkömmlichen Bankeinlagen durch Staffel- oder Nullzinsen. Beide Massnahmen wären wichtig, um den Zielkonflikt zwischen Innovation, Effizienz und Finanzstabilität aufzulösen.

USA vs. Europa: Zwei Ansätze bei digitalen Währungen

Sowohl Stablecoins als auch der digitale Euro stellen bedeutende Fortschritte in der Entwicklung des Geldes dar, doch es erscheint unwahrscheinlich, dass diese Innovationen bestehende Zahlungssysteme in absehbarer Zukunft vollständig ersetzen. Auffällig ist, wie unterschiedlich die Wege der USA und Europas sind. Die USA haben schneller gehandelt, waren offen für Stablecoins des privaten Sektors und haben deren rasche Verbreitung gefördert, während Europa einen vorsichtigeren, stärker zentralisierten Ansatz verfolgt, sodass die Einführung des digitalen Euro erst für 2029 erwartet wird. Dieser Unterschied in Tempo und Philosophie spiegelt grundsätzlichere Debatten über Währungssouveränität und Finanzstabilität wider. Darüber hinaus ist der Aufstieg von digitalen Währungen und Stablecoins eng mit Diskussionen über unkonventionelle geldpolitische Instrumente wie „Helikoptergeld“ verbunden, denn beide stellen die herkömmlichen Konzepte für die Verteilung von Liquidität und die Stützung der Wirtschaft in Frage.

  • 2/3
    Anteil der Kartentransaktionen im Euroraum, der von aussereuropäischen Unternehmen abgewickelt wird
Unterschiede zwischen EU und USA
 EUUSA
ZielFinanzstabilität, digitale SouveränitätErhaltung der Dollardominanz, private Innovation
RegulierungStrengWeniger streng
CBDC -FokusDigitaler Euro: Hohe Priorität, gilt als wichtiger Faktor für AutonomieSkeptisch: Aufgrund neuerer politischer Entwicklungen haben Retail-CBDCs keine Priorität mehr; der Fokus liegt nun auf Stablecoins
Umgang mit RisikenBesorgnis wegen Too-Big-to-Fail-Problematik bei privaten StablecoinsVersuch, mit Stablecoins die Marktnachfrage nach Treasuries zu stärken
1 Europäische Zentralbank, Rede von Piero Cipollone, Mitglied des Direktoriums der EZB, auf der Veranstaltung des France Payments Forum zum digitalen Euro und der Zukunft des Zahlungsverkehrs in Europa, Mai 2025.
Nur zur Veranschaulichung. Es gibt keine Gewähr für das Erreichen dieser Projektionen, Prognosen oder erwarteten Renditen.

*Topographies of Fragility

Kommentar der Künstlerin

Die Serie Topographies of Fragility dokumentiert meine anhaltende Suche nach Orten in der Natur, an denen ich in mich gehen, die Stille geniessen und mich auf das Wesentliche besinnen kann; Landschaften, die vom Menschen unberührt erscheinen. Doch im Laufe der Jahre wurde mir immer bewusster, wie stark das Spannungsfeld zwischen scheinbarer Beständigkeit und tatsächlicher Verwundbarkeit dieser Landschaften ist.

Beim Versuch, Platz in meinem Atelier zu schaffen, knüllte ich einige alte Abzüge von Fotografien genau dieser Landschaften zusammen, um sie wegzuwerfen. Was als unbewusste Tat begann, wurde mehr und mehr zum Spiegelbild unseres Umgangs mit der Natur – als wäre Natur etwas, das man nutzen, verbrauchen und wegwerfen kann. Da die Fotografien auf holzhaltiges Papier gedruckt sind, steht der manuell bearbeitete Abzug sinnbildlich für die direkte Beziehung zwischen Material, Motiv und Umwelt. Indem ich die Fotografie physisch verändere, verändere ich metaphorisch auch die Landschaft selbst und erinnere so an die Spuren, die der Mensch in der Natur hinterlässt. Wir verändern die Natur, und im Gegenzug verändert die Natur uns.

Bildnachweis

Die argentinische Künstlerin Ingrid Weyland beschäftigt sich in ihren Werken mit der fragilen Beziehung zwischen Mensch und Natur und bedient sich dabei einer speziellen Technik, bei der sie Fotos manipuliert und erneut fotografiert. Sie stammt aus einer Familie von Bildhauern und Architekten und entwickelte schon früh ein Gespür für Form, Raum und Materialität – Einflüsse, die ihr Schaffen bis heute prägen. Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist die intensive Auseinandersetzung mit abgelegenen Landschaften, die sie fotografisch festhält und diese Fotografien anschliessend durch physische Eingriffe verändert, um der Fragilität der Natur, der Geschichte und den Spuren menschlichen Handelns Ausdruck zu verleihen.

Für ihre Werke, die weltweit ausgestellt werden, wurde sie mehrfach im Rahmen von Auszeichnungen, Ausstellungen und Publikationen gewürdigt. Unter anderem erhielt sie den Saatchi Art for Change Prize (Americas Winner), den Ashurst Emerging Artist Photography Prize sowie den Aesthetica Art Prize, sie wurde für den Prix Pictet nominiert und zählt zu den Finalisten des Kunstwettbewerbs Hasselblad Masters 2026.

Footnote
Confirm your selection
By clicking on “Continue”, you acknowledge that you will be redirected to the local website you selected for services available in your region. Please consult the legal notice for detailed local legal requirements applicable to your country. Or you may pursue your current visit by clicking on the “Cancel” button.

Willkommen bei Pictet

Sie befinden sich auf der folgenden Länderseite: {{CountryName}}. Möchten Sie die Länderseite wechseln?