Familien denken Erbschaft und Vermögen neu

Vermögen weitergeben: Familien denken Erbschaft und Vermögen neu

Eine längere Lebenszeit, Wertewandel und internationale familiäre Bande prägen das heutige Familienbild. Damit verändert sich nicht nur der Prozess der Vermögensweitergabe, sondern auch die Vorstellung davon, was Vermächtnis eigentlich bedeutet.

Zusammenfassung

Die klassische Übertragung von Kapital an die nächste Generation entwickelt sich zunehmend zu einem Gemeinschaftsprojekt, das längere Lebensspannen und komplexere Familienstrukturen berücksichtigt. Heute geht es nicht mehr allein darum, Vermögen zu schützen, sondern auch darum, auf die Bedürfnisse einer nach Sinn suchenden, technologieaffinen jüngeren Generation einzugehen. Offener Dialog statt ein starres Regelwerk lautet das Rezept, damit der Nachfolgeprozess als sinnvoll empfunden wird und allen Beteiligten Rechnung trägt. Zugleich verändert sich das Grundverständnis davon, was ein Vermächtnis eigentlich ist: Was bisher in erster Linie ein Kapitaltransfer war, wird zu einer gemeinsamen Suche nach Sinn und Zweck.

Key takeaways
Wie Familien die Vermögensübergabe neu denken
  • Gemeinsam entscheiden
    Höhere Lebenserwartung, mehr Patchwork-Familien – der Trend geht weg von hierarchisch geprägten Strukturen und hin zu einer inklusiven und gemeinsamen Entscheidungsfindung.
  • Gemeinsam investieren
    Um generationenübergreifende Differenzen zu überbrücken, braucht es Kompromisse: Traditionelles Risikomanagement und der Wunsch, Vermögen aus Überzeugung und für das gesellschaftliche Wohl einzusetzen, schliessen sich dabei nicht aus.
  • Erfahrungen sammeln
    Die jüngere Generation erhält eigenes Kapitals oder die Möglichkeit, eigene innovative Projekte umzusetzen. So sammelt sie Erfahrungen, entwickelt ein Gespür für Chancen und Risiken und stärkt – in einem geschützten Rahmen – ihre Entscheidungskompetenz.
  • Beziehungen stärken
    Langfristiger Vermögenserhalt beruht weniger auf juristischen Dokumenten als vielmehr auf guten Kommunikationsgewohnheiten, die Konflikten vorbeugen.

Wie die höhere Lebenserwartung das Verständnis von Vermächtnis verändert

Menschen leben heute länger und gesünder. In vielen Familien sind drei Generationen gleichzeitig aktiv – und potenziell alle an der Verwaltung des Familienvermögens und an Geschäftsinteressen beteiligt. Das stellt die klassische Vorstellung einer klar geregelten Übergabe infrage. Einige Familien setzen deshalb auf flexiblere Modelle der geteilten Verantwortung, um der gestiegenen Lebenserwartung gerecht zu werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die ältere Generation die Entscheidungshoheit bis ins hohe Alter behält, während die nächste Generation aussen vor bleibt und zunehmend frustriert ist.

Gleichzeitig sind die Familienstrukturen komplexer geworden. Patchwork-Familien, internationale Ehen und Geschwister mit grossem Altersunterschied sind heute keine Seltenheit. Das sprengt die Grenzen konventioneller Planung und verlangt nach weniger statischen, situationsgerechten und integrativen Leitplanken für Entscheidungen. 

Wir stellen uns ein Vermächtnis gern als etwas Festes vor. Doch was wirklich Bestand hat, ist das Zwischenmenschliche: die Gespräche, das Vertrauen und das gemeinsame Verständnis des Warum.
— Honora Ducatillon, Head of Family Advisory bei Pictet Wealth Management

„Die Weitergabe von Vermögen gleicht heute weniger einem Staffellauf als vielmehr einem Mannschaftssport“, so Honora Ducatillon, Head of Family Advisory bei Pictet Wealth Management. „Heute sind oft zwei oder sogar drei Generationen gleichzeitig an Anlageentscheidungen beteiligt, klären Rollen und Zuständigkeiten und diskutieren die Zukunft des Familienunternehmens. Das funktioniert nur durch einen strukturierten, aber offenen Austausch über Timing, Prioritäten und den eigentlichen Zweck des Vermögens.“

Wie sich mehrere Generationen auf ein Anlageziel einigen

Die verschiedenen Generationen haben oft unterschiedliche Vorstellungen, wenn es um Investitionen geht. Für jüngere Familienmitglieder steht nicht mehr allein der Kapitalschutz im Vordergrund. Sie betrachten Investitionen auch als Möglichkeit, persönliche Interessen zu verfolgen, Prioritäten zu setzen und auf weltweite Probleme zu reagieren. Ältere Generationen tendieren dagegen zu einem traditionellen Ansatz mit Fokus auf Stabilität und Risikomanagement. Doch der Wandel hin zu sinnorientiertem Investieren hält an, auch wenn ESG-Labels zuletzt in der Kritik standen und Investoren generell vorsichtiger geworden sind. Gelingt es Familien, sich zumindest teilweise auf diese Form des Investierens einzulassen, wird plötzlich nicht mehr das Kapital, sondern zunehmend der Dialog im Vordergrund stehen.  

„Familien leben heute länger zusammen, wodurch es auch mehr generationsübergreifende und beständige Beziehungen gibt“, erklärt Dr. Bridget Kustin, Wirtschaftsanthropologin und Direktorin des Ownership Project an der Saïd Business School der Universität Oxford. „Zudem gibt es verschiedene Formen von Vermögen für unterschiedliche Bedürfnisse – und viele Möglichkeiten, diese gleichzeitig abzudecken.“ 

Wenn alle verstehen, was der andere will, lassen sich unterschiedliche Standpunkte in einer stimmigen Anlagestrategie vereinen. „Nehmen wir das Beispiel eines Family Office: Hier verschwimmen die traditionellen Grenzen zwischen Anlagekapital und philanthropischem Kapital zunehmend“, sagt Kustin. „Heute kann eine Anlagestrategie auch dazu dienen, die philanthropische Ausrichtung zu untermauern.“

Moderne Nachfolgeplanung in Familien

Familienunternehmer, die einst einen klaren Nachfolgeplan vor Augen hatten, suchen heute nach neuen Wegen, der jüngeren Generation eine Chance zu geben. Denn einiges deutet darauf hin, dass das Interesse der jungen Generation, das Familienunternehmen in der aktuellen Form zu übernehmen, zurückgegangen ist. 

„Manche entscheiden sich für einen anderen Weg“, so Kustin. „Oder die Familie beschliesst, der jüngeren Generation Raum für ihre eigenen Ideen zu geben – etwa indem sie ihr einen bestimmten Teil des Kapitals überlässt.“ So erhält die nächste Generation echten Investitionsspielraum, ohne das Kernvermögen zu gefährden. Solche Initiativen bieten mehr als nur praktische Anlageerfahrung: Sie ermöglichen es, selber Risiken abzuwägen, mit Beratern zusammenzuarbeiten, die Qualität von Investitionen zu prüfen und eigene Risiko-Rendite-Ziele zu definieren. Dabei geht es nicht darum, alles richtig zu machen – sondern darum, zu lernen, fundierte Entscheidungen zu treffen.  

Auch der technologische Wandel sorgt für lebhafte Diskussionen. Junge, technikaffine Familienmitglieder, welche die digitale Transformation mitgestalten, haben oft andere Vorstellungen davon, wo die Chancen liegen. Laut einer Umfrage unter vermögenden Anlegern haben jüngere Investoren beispielsweise deutlich mehr Interesse an digitalen Währungen als ältere Generationen, die weiterhin lieber auf traditionelle Anlageklassen setzen.

Dialog als Investition in die Zukunft

Bei der Vermögensübergabe geht es selten nur um Zahlen – sondern vor allem um Emotionen. Was den Prozess oft ins Stocken bringt, sind nicht Steueraspekte oder technische Details, sondern Gespräche, die nie stattfinden, und Erwartungen, die unausgesprochen bleiben.

Für viele Eltern sind oft persönliche Erfahrungen der Auslöser, sich bewusster mit der Nachfolge auseinanderzusetzen. Manche haben selbst zu früh oder zu plötzlich geerbt – und kennen die Situation sowie die Unklarheit infolge fehlender Gespräche. Andere haben miterlebt, was passiert, wenn in Familien nicht offen über Erwartungen gesprochen wird. Manche Familien sehen Nachfolge daher nicht mehr als einzelnes Ereignis, sondern als Prozess, der Zeit braucht – und bei dem der Erhalt von Beziehungen genauso wichtig ist wie der Erhalt von Kapital. 

„Wir stellen uns ein Vermächtnis oft als etwas Festes vor – ein Gebäude, ein Unternehmen oder eine Summe“, erklärt Ducatillon. „Doch was wirklich Bestand hat, ist das Zwischenmenschliche: die Gespräche, das Vertrauen und das gemeinsame Verständnis des Warum“, erklärt sie weiter. „Kontinuität bedeutet nicht Gleichförmigkeit. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, ein gutes Miteinander zu bewahren.“ 

Wenn mehrere Generationen gleichzeitig Verantwortung tragen und Familienstrukturen komplexer werden, gibt es nicht mehr für jedes Problem ein Patentrezept. Deshalb braucht es Raum für offenen Dialog, damit Familien Entscheidungen im Interesse aller treffen können. Auch eine dritte Partei – etwa ein Berater oder ein externer Experte – kann hilfreich sein, um emotional aufgeladene Gespräche zu entschärfen und den Weg für Kompromisse zu ebnen. 

Eine flexible Governance ist entscheidend

Je komplexer Familien werden, desto mehr muss sich auch ihre Family Governance weiterentwickeln. Was früher funktioniert hat, passt heute möglicherweise nicht mehr. Die Strukturen müssen sich gemeinsam mit der Familie verändern – nicht nur rechtlich, sondern auch im Denken und im Umgang miteinander. „Es ist entscheidend, dass Familien diese Grundlagen schaffen“, erklärt Clare Stirzaker, Anwältin für Vermögens- und Nachfolgefragen bei der Kanzlei Boodle Hatfield. Denn selbst dort, wo verbindliche Vereinbarungen zu Nachfolge, Erbschaft und ähnlichen Fragen bestehen, sei das Gespräch oft der bessere Weg als ein Rechtsstreit, um Meinungsverschiedenheiten zu vermeiden oder zu lösen. 

„Familienräte und Familienverfassungen sind wichtige Instrumente, mit denen Familien ihre Zusammenarbeit organisieren“, ergänzt Hayden Bailey, Head of Private Wealth und Partner  der Kanzlei Boodle Hatfield. „Sie sorgen dafür, dass Vertreter verschiedener Generationen zusammenkommen, um Fragen zu besprechen, die alle betreffen – etwa wie Vermögen erwirtschaftet, verwaltet und weitergegeben wird.“ Natürlich lässt sich nicht jede mögliche Entwicklung vorhersehen. Ein Familienrat bietet jedoch zumindest einen Rahmen, in dem sich auch in unerwarteten Situationen Lösungen finden lassen.

Die Weitergabe von Vermögen gleicht heute weniger einem Staffellauf als vielmehr einem Mannschaftssport.
— Honora Ducatillon, Head of Family Advisory bei Pictet Wealth Management

„Die nächste Generation sollte mit dem Familienvermögen nicht erst in einem juristischen Dokument oder in einer Krisensituation konfrontiert werden“, sagt Ducatillon. „Sie sollte schrittweise in die Gespräche einbezogen werden – nicht um zu entscheiden, sondern um zu verstehen.“ In vielen Familien braucht es dafür erst ein Umdenken. Oft müssen die Jüngeren bewusst ein Stück weit begleitet werden – etwa durch regelmässige Gespräche, gemeinsames Lernen oder externe Perspektiven, die helfen, den Dialog in Gang zu halten. „In diesem Sinne geht es bei Family Governance weniger um formale Regeln als vielmehr darum, Gewohnheiten des Austauschs aufzubauen“, ergänzt Ducatillon.

Mit dem richtigen Vorgehen und der nötigen Bereitschaft können Familien nicht nur finanzielle Kontinuität sichern, sondern auch generationenübergreifend ein gemeinsames Verständnis entwickeln. In vielen Familien fehlen die nötigen Gespräche aber noch, und es kommt nicht zu einem offenen Austausch. Man klammert sich stattdessen an formale Strukturen. Wenn Familien jedoch beginnen, sich auf diesen Dialog einzulassen – selbst wenn anfangs nur zögerlich –, dann legen sie den Grundstein für etwas Beständiges. Solche Gespräche sind selten einfach. Doch genau dort beginnt das Vermächtnis.

Confirm your selection
By clicking on “Continue”, you acknowledge that you will be redirected to the local website you selected for services available in your region. Please consult the legal notice for detailed local legal requirements applicable to your country. Or you may pursue your current visit by clicking on the “Cancel” button.

Willkommen bei Pictet

Sie befinden sich auf der folgenden Länderseite: {{CountryName}}. Möchten Sie die Länderseite wechseln?