Horizonte 2026 – Der Wettlauf um Ressourcensouveränität
Die Erosion des Multilateralismus und der damit verbundenen Schutzmechanismen einer globalisierten, regelbasierten Weltordnung treibt einen strukturellen Wandel hin zu mehr Regionalismus voran. Mittelmächte versuchen, kritische Industrien und Lieferketten vor Eingriffen von aussen zu schützen. Im politischen Diskurs entwickelter Volkswirtschaften sind Konzepte wie Reshoring und Friend-Shoring mittlerweile zu zentralen Themen geworden. Doch Regierungen wollen die Produktion sofern möglich wieder ins eigene Land zurückholen. Sie wollen ihre strategische Unabhängigkeit stärken – von der Energie- und Lebensmittelversorgung über kritische Rohstoffe und das Finanzsystem bis hin zu den Lieferketten.
Die Abkehr der USA von ihrer Rolle als globale Ordnungsmacht hin zu einem „America First“-Ansatz verstärkt das Streben nach strategischer Autonomie. Regierungen erhöhen die Staatsausgaben für Verteidigung und Infrastruktur und richten ihre Wirtschaft auf die Chancen der Zukunft aus.
Bislang war Öl der Motor der Wirtschaft. Heute sind es Daten. KI, Quantencomputing und Cybersicherheit werden dabei eine Schlüsselrolle spielen. Zudem werden sich in der Wirtschaft von morgen neue Chancen im Weltraumsektor eröffnen.
Eine besonders wichtige Rolle spielen hier die Infrastruktur und die Ressourcen, die für eine datengetriebene elektrifizierte Wirtschaft benötigt werden. Die Sicherung des Zugangs zu Energie und kritischen Rohstoffen, einschliesslich seltener Erden, wird für Regierungen zu einer zunehmend wichtigen wirtschafts- und industriepolitischen Priorität. Regionen wie Europa stehen aufgrund der ungleichen Verteilung dieser kritischen Rohstoffe vor besonderen Herausforderungen.
Mit dem Voranschreiten der Energiewende von fossilen Brennstoffen hin zur Elektrifizierung kommt es zu einer grundlegenden strukturellen Veränderung bei der Rohstoffnachfrage, mit weitreichenden Folgen nicht nur für die wirtschaftliche Resilienz und die Inflationsentwicklung in aller Welt, sondern auch für den geopolitischen Einfluss der einzelnen Länder.
Ressourcenknappheit
Die Weltwirtschaft hat sich als bemerkenswert robust erwiesen, selbst angesichts des grössten Energieschocks aller Zeiten. Gleichwohl bleibt sie anfällig für immer häufigere und schwerere Angebotsschocks. Dieses unsichere Umfeld dürfte zu stärkeren Preisschwankungen führen, kurzfristig noch verschärft durch die „Techflation“, also den zunehmenden Inflationsdruck durch die Nachfrage nach Rohstoffen für den KI-Boom.
Längerfristig sollte sich KI positiv auf die Produktivität auswirken und disinflationär wirken. Allerdings treiben Ressourcenknappheit, Deglobalisierung, demografischer Wandel, Dekarbonisierung und die Dominanz der Fiskalpolitik gleichzeitig die Inflation nach oben.
Die Ressourcenknappheit wird zusätzlich dadurch verschärft, dass Unternehmen in einen neuen Investitionszyklus eintreten, um sich an die aufkommende Welt der agentischen KI anzupassen. Zugleich müssen die Staaten Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung, die technologische Transformation und demografiebedingt steigende Sozialausgaben finanzieren. Die Folge ist ein Wettbewerb um Kapital, mit dem sowohl die Ambitionen der Unternehmen als auch die politischen Prioritäten der Staaten finanziert werden sollen – mit Auswirkungen auf die Finanzierungskosten.
Mehr als vier Jahrzehnte lang war die Weltwirtschaft von einem Umfeld mit sinkenden Zinsen und hohem Kapitalangebot geprägt. Die Konsolidierung der öffentlichen Finanzen, die Globalisierung und der technologische Fortschritt wirkten stark inflationshemmend. Die Anleihenrenditen gerieten dadurch in einen Abwärtstrend und erreichten im Zuge der Coronapandemie im Jahr 2020 schliesslich historische Tiefststände. Jetzt, vor dem Hintergrund des Wettbewerbs um Kapital und strukturell höherer Inflation, dürften Anleger einen höheren Ausgleich verlangen, wenn sie ihr Kapital langfristig verleihen. Die hartnäckigen Haushaltsdefizite verschärfen diese Situation nur noch und führen bei Staatsanleihen zu höheren Laufzeitprämien.
Wichtige Rolle der Schwellenmärkte
In diesem Zusammenhang kommt den Schwellenmärkten eine zentrale Rolle in der globalen Investitionslandschaft zu. Sie liefern einen Grossteil dessen, was derzeit gefragt ist: Bestandteile für die KI-Infrastruktur, für die Versorgungssicherheit unverzichtbare Ressourcen und alternative Währungen, die durch geringe Verschuldung, robuste Aussenhandelsbilanzen und tiefe Integration in globale Lieferketten gestützt werden.
Die Entwicklung grosser KI-Systeme bedingt ein umfangreiches physisches Ökosystem, das neben Halbleitern, hochentwickelten Fertigungsprozessen und Spezialmaterialien auch Rechenzentren, Glasfasernetze und Energieinfrastruktur umfasst. Ein Grossteil davon wird in den Schwellenländern, insbesondere in Nordasien, entwickelt, hergestellt oder zusammengebaut. So sind Bereiche der Aktien- und Kreditmärkte in Schwellenländern jetzt an einen mehrjährigen Investitionszyklus gebunden, der vom Ausbau der digitalen Infrastruktur und dem Einsatz von KI und nicht von kurzfristigen Verbrauchertrends getrieben wird. Für den globalen KI-Ausbau benötigte Ressourcen stammen zunehmend aus Schwellenländern.
Vor diesem Hintergrund rechnen wir für globale Aktien mit annualisierten 10-Jahres-Renditen von 6,8%. Ein leicht höheres Ausgangsniveau der Zinsen führt im Vergleich zum Vorjahr zu höheren erwarteten Renditen bei Staatsanleihen: rund 5% für Us-Staatsanleihen und 3,6% für Bundesanleihen. Unsere 10-JahresPrognose für Gold bleibt mit 4% p. a. nahezu unverändert. Beim Us-Dollar schliesslich rechnen wir in den kommenden zehn Jahren mit einer allmählichen Abwertung, allerdings in einem moderateren Tempo als bisher. Unsere 10-Jahres-Prognose für das Währungspaar EURUSD liegt bei 1.30 und für USDJPY bei 129.
Ein feines Gespür für die Chancen und Risiken dieser veränderten Weltordnung ist unserer Meinung nach in den kommenden Jahren besonders wichtig, wenn es um Fragen der Asset-Allokation oder der Portfoliokonstruktion geht. Jede Anlageentscheidung sollte damit beginnen, die Zusammenhänge zwischen den raschen Veränderungen des geopolitischen, finanziellen und technologischen Umfelds zu erfassen, das die neue Ära der multipolaren Rivalität prägt.
Angesichts dieser stärker fragmentierten Welt sollten Anleger auf diversifizierte Portfolios setzen, deren Schwerpunkt auf realen Sachwerten liegt, die für den Aufbau der KI-Infrastruktur und der elektrifizierten Wirtschaft der Zukunft gebraucht werden. Strukturell höhere Inflation und öffentliche Verschuldung liefern weitere Argumente dafür, auf Vermögenswerte zu setzen, die nicht von staatlichen Institutionen ausgegeben werden können.
Horizonte 2026
Makroökonomie · 8. Sept. 2026
Horizonte 2026 – Der Wettlauf um Ressourcensouveränität
Wir stehen am Beginn eines neuen Zeitalters. Die von regel-basiertem Multilateralismus geprägte Nachkriegsära wird abgelöst durch eine Zeit, die bestimmt ist von multipolarer Rivalität und einem daraus resultierenden Anstieg geopolitischer Spannungen in einer zunehmend unsicheren Welt. Im Zentrum dieser multipolaren Rivalität steht der Kampf zwischen den USA und China um die Vorherrschaft. Dabei geht es in erster Linie um die Technologieführerschaft – insbesondere im Bereich künstliche Intelligenz (KI). Der Kampf der Supermächte um die digitale Vormachtstellung umfasst auch den Wettbewerb um die Ressourcen, die für den Aufbau der KI-Wirtschaft benötigt werden. Der fragile Waffenstillstand im Handelskonflikt deutet auf ein hochgradig angespanntes Umfeld hin, in dem die „Ressourcensouveränität“ zum entscheidenden Faktor wird.
Makroökonomie · 21. Sept. 2026
Stablecoins versus digitaler Euro
Durch die rasante Digitalisierung im Finanzbereich sind Stablecoins und digitale Zentralbankwährungen (Central Bank Digital Currencies, CBDC) zu einem wichtigen Thema in der globalen Wirtschaft geworden. Stablecoins, also digitale Assets, die darauf ausgelegt sind, einen stabilen Wert zu halten, haben ein explosionsartiges Wachstum verzeichnet. Dies erfordert neue Regulierungskonzepte und wirft gewichtige Fragen nach den Auswirkungen auf Finanzstabilität, Geldpolitik und das internationale Währungssystem auf. Gleichzeitig prüfen Zentralbanken die Einführung digitaler Währungen, um ihre Währungssouveränität zu wahren und auf Veränderungen in der Zahlungsverkehrslandschaft zu reagieren.
Makroökonomie · 23. Sept. 2026
Das grosse Ringen um Ressourcen
Die zunehmende Fragmentierung der Welt führt zu einem Wettlauf um die Sicherung der Ressourcensouveränität. Angesichts von Konflikten, Handelsbarrieren und Klimawandel bemühen sich Regierungen in aller Welt um Energiesicherheit und den Zugang zu wichtigen Rohstoffen.
Makroökonomie · 23. Sept. 2026
Von unabhängiger Geldpolitik zu fiskalischer Dominanz?
In früheren Ausgaben von Horizonte haben wir mehrere strukturelle Trends mit prägendem Einfluss auf die Wirtschaft beleuchtet, darunter Demografie, Deglobalisierung, Dekarbonisierung, Verschuldung und Digitalisierung. Durch die Serie von Krisen – etwa die Coronapandemie, den Krieg in der Ukraine, den Handels krieg und den jüngsten Konflikt im Nahen Osten – haben sich diese Trends noch verschärft.
Makroökonomie · 25. Sept. 2026
Energieunabhängigkeit und Zugang zu Rohstoffen im Zeitalter der Elektrifizierung
Energieunabhängigkeit und ein gesicherter Zugang zu Rohstoffen sind in den 2020er-Jahren – geprägt von geopolitischer Unsicherheit und Marktvolatilität sowie der Notwendigkeit für eine globale Klimawende – zu zentralen Anliegen der Wirtschaftspolitik geworden.
*Topographies of Fragility
Kommentar der Künstlerin
Die Serie Topographies of Fragility dokumentiert meine anhaltende Suche nach Orten in der Natur, an denen ich in mich gehen, die Stille geniessen und mich auf das Wesentliche besinnen kann; Landschaften, die vom Menschen unberührt erscheinen. Doch im Laufe der Jahre wurde mir immer bewusster, wie stark das Spannungsfeld zwischen scheinbarer Beständigkeit und tatsächlicher Verwundbarkeit dieser Landschaften ist.
Beim Versuch, Platz in meinem Atelier zu schaffen, knüllte ich einige alte Abzüge von Fotografien genau dieser Landschaften zusammen, um sie wegzuwerfen. Was als unbewusste Tat begann, wurde mehr und mehr zum Spiegelbild unseres Umgangs mit der Natur – als wäre Natur etwas, das man nutzen, verbrauchen und wegwerfen kann. Da die Fotografien auf holzhaltiges Papier gedruckt sind, steht der manuell bearbeitete Abzug sinnbildlich für die direkte Beziehung zwischen Material, Motiv und Umwelt. Indem ich die Fotografie physisch verändere, verändere ich metaphorisch auch die Landschaft selbst und erinnere so an die Spuren, die der Mensch in der Natur hinterlässt. Wir verändern die Natur, und im Gegenzug verändert die Natur uns.
Bildnachweis
Die argentinische Künstlerin Ingrid Weyland beschäftigt sich in ihren Werken mit der fragilen Beziehung zwischen Mensch und Natur und bedient sich dabei einer speziellen Technik, bei der sie Fotos manipuliert und erneut fotografiert. Sie stammt aus einer Familie von Bildhauern und Architekten und entwickelte schon früh ein Gespür für Form, Raum und Materialität – Einflüsse, die ihr Schaffen bis heute prägen. Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist die intensive Auseinandersetzung mit abgelegenen Landschaften, die sie fotografisch festhält und diese Fotografien anschliessend durch physische Eingriffe verändert, um der Fragilität der Natur, der Geschichte und den Spuren menschlichen Handelns Ausdruck zu verleihen.
Für ihre Werke, die weltweit ausgestellt werden, wurde sie mehrfach im Rahmen von Auszeichnungen, Ausstellungen und Publikationen gewürdigt. Unter anderem erhielt sie den Saatchi Art for Change Prize (Americas Winner), den Ashurst Emerging Artist Photography Prize sowie den Aesthetica Art Prize, sie wurde für den Prix Pictet nominiert und zählt zu den Finalisten des Kunstwettbewerbs Hasselblad Masters 2026.