Profis für den Purpose: Wie Family Offices die Philanthropie verändern
Zusammenfassung
Da immer mehr Familienvermögen in die Hände der nächsten Generation übergehen, wird philanthropisches Engagement zunehmend zum festen Bestandteil von Family-Office-Strukturen. Damit wird der Ansatz für die Spendentätigkeit strategischer und professioneller. Dieser Wandel bringt Herausforderungen mit sich, besonders wenn es darum geht, zwischen Generationen mit unterschiedlichen Prioritäten und Werten einen Konsens zu schaffen. Family Offices formalisieren zunehmend ihre philanthropischen Ziele und lassen sich bei der Umsetzung komplexer Impact-Strategien von Spezialisten beraten. Das Ergebnis ist eine Neubestimmung dessen, was unter einem Erbe verstanden wird, nämlich nicht nur Finanzkapital, sondern auch Werte und Sinn.
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Verankerung der Philanthropie im Family OfficeFamily Offices integrieren Philanthropie in ihre Kernaktivitäten und gehen damit über die traditionelle Kapitalanlage und Nachlassplanung hinaus.
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Konsens und Kontinuität über die GenerationenFormale Instrumente wie Familienverfassungen und -chartas helfen, unterschiedliche Auffassungen in Einklang zu bringen und sicherzustellen, dass Werte auf Dauer erhalten bleiben.
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Fachkundige Beratung steigert den ImpactZunehmend werden professionelle Berater beauftragt, Familien bei der Strukturierung, Steuerung und Messung ihrer philanthropischen Aktivitäten zu unterstützen.
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Purpose als neue Dimension des ErbensVermögen wird heute nicht mehr nur als Ressource betrachtet, die es zu bewahren gilt, sondern auch als Mittel, um einen dauerhaften Beitrag zum Wohl von Gesellschaft und Umwelt zu leisten.
Family Offices und Philanthropie
Die Aufgaben von Family Offices beschränkten sich früher fast ausschliesslich auf Kapitalanlage und Nachlassplanung. Heute werden sie immer mehr zu Drehscheiben für philanthropisches Engagement. Nach Schätzungen von Pictet verwalten 17 000 Family Offices weltweit inzwischen Vermögen von mehr als USD 10 Billionen, und fast drei Viertel von ihnen integrieren auch die Vorstellungen der von ihnen betreuten Familien im Bereich Philanthropie und Impact. Dieser strukturelle Wandel verändert nicht nur die Verwaltung des Vermögens, sondern auch die Definition dessen, was unter einem Erbe verstanden wird.
Quelle: Pictet, 2025
Der Great Wealth Transfer
Die Welle der Erbschaften und Schenkungen von der Babyboomer-Generation an ihre Nachkommen – auch als Great Wealth Transfer bezeichnet – wird bis 2045 schätzungsweise ein Volumen von USD 70 Billionen erreichen und diese Dynamik noch verstärken. Einer Studie von Cerulli Associates zufolge werden bis zum Jahr 2048 rund USD 18 Billionen aus diesem Vermögenstransfer philanthropischen Anliegen zufliessen.
Ein wichtiger Aspekt ist hierbei, dass jüngere Generationen Kapital möglichst so anlegen möchten, wie es ihren Werten entspricht, sagt Christoph Courth, Global Head of Philanthropy Services bei Pictet Wealth Management.
Auch jenseits der Philanthropie verfolgen jüngere Menschen mit Vermögen heute verschiedene Ansätze, um sozialen Impact zu erzielen, auch mit ihren Familienunternehmen und Kapitalanlagen.
„Die Generation der Erben ist sich der globalen Herausforderungen bewusst und weiss, dass herkömmliche Methoden zur Lösung gesellschaftlicher Probleme an ihre Grenzen stossen“, sagt er. „Auch jenseits der Philanthropie verfolgen jüngere Menschen mit Vermögen heute verschiedene Ansätze, um sozialen Impact zu erzielen, auch mit ihren Familienunternehmen und Kapitalanlagen.“
Im Streben nach besserer Koordination und Professionalisierung überlassen Familien das Management ihrer Impact-Vorstellungen daher zunehmend dem Family Office.
Quelle: Pictet, 2025
Planung mit Purpose
Bei Family Offices geht der Trend weltweit zu einer intelligenteren Spendenvergabe. Untersuchungen zeigen, dass Family Offices im asiatisch-pazifischen Raum zu 86 Prozent in der Philanthropie aktiv sind, in Nordamerika zu 76 Prozent und in Europa zu 67 Prozent. Dabei wurde Philanthropie traditionell getrennt von Kapitalanlagen behandelt, oft durch Stiftungen oder informelle Spenden für karitative Zwecke.
Heute dagegen bündeln Family Offices diese Aktivitäten unter einem Dach. Aus dem Wunsch heraus, soziales Engagement mit derselben Professionalität zu verfolgen wie den finanziellen Ertrag, steuern laut einem Bericht von BNY Mellon mittlerweile fast drei Viertel von ihnen philanthropische und Investmentaktivitäten gemeinsam.
Es ist wichtig, alle Familienmitglieder zu Wort kommen zu lassen und die Gespräche zu moderieren, damit alle Gehör finden und gemeinsame Ziele vereinbart werden.
Für Familien liegen die Vorteile auf der Hand: Koordination, Konsistenz und Kontinuität. Die Verankerung des philanthropischen Engagements im Family Office stellt sicher, dass Werte und Strategien festgeschrieben werden. Das ermöglicht Kontinuität über die Generationen. Ausserdem können jüngere Erben praktische Erfahrung im Analysieren, Berichten und Entscheiden sammeln – Fähigkeiten, die sie darauf vorbereiten, später einmal das gesamte Familienvermögen zu verwalten.
Die Durchführung von Due-Diligence-Prüfungen und die Erstellung von Impact-Berichten zu Spenden für bestimmte Zwecke können beispielsweise ein nützliches Testfeld für Erben aus der nächsten Generation sein, die ihr unternehmerisches Geschick unter Beweis stellen möchten.
Quelle: CAF & Wealth-X, 2024
*Erkenntnisse von Pictet Wealth Management ergeben allerdings ein anderes Bild: Moderne Vermögenseigentümer spenden zunehmend für Anliegen wie die Eindämmung neuer geopolitischer Risiken, darunter Klimawandel, Artensterben, Falschinformationen und KI.
Generationenübergreifende Konsensbildung
Diese Professionalisierung ist nicht immer ganz einfach. Welche Herausforderung es sein kann, unterschiedliche Ansichten in Einklang zu bringen, zeigt die Erfahrung von PFC. Das Family Office wurde 2016 gegründet, um das Vermögen eines Zweigs der Familie Marzotto zu verwalten, die hinter dem gleichnamigen italienischen Textilkonzern steht. Im Jahr 2018 nahm PFC ein neues Mandat mit Vorrang für sozialen und ökologischen Impact an, wobei der Schwerpunkt auf Problemen wie der sozialen Ungleichheit und dem Klimanotstand lag.
Die Konsensbildung erwies sich als entscheidender Faktor. „Die Familie hat das Drehbuch umgeschrieben und Impact-Ziele ganz obenan gestellt“, sagt Urszula Swierczynska, Impact and Philanthropy Director bei PFC. Die Familie formulierte eine Verfassung, welche die gemeinsamen Werte festschreibt und als Grundlage für Kontinuität über drei Generationen hinweg dient. Damit lag sie im Trend, denn immer mehr Familien entwickeln „Impact-Roadmaps“, um ihre Ziele zu formalisieren und ihre Aktivitäten daran auszurichten.
Wenn es gelingt, einen sicheren und vertrauenswürdigen Raum zu schaffen, kann man viel bessere Gespräche führen und Menschen zu grösseren Herausforderungen und mehr Kooperation motivieren.
Viele von ihnen geben sich auch eine Familiencharta, die philanthropische Werte institutionalisiert und sicherstellt, dass sie gemeinsam mit dem Finanzkapital weitergegeben werden. Das bestätigen auch Erkenntnisse aus der Forschung am IMD. Wenn Unternehmerfamilien ihre Kinder schon früh an philanthropisches Denken heranführen und sie dazu anhalten, sich mit entsprechenden Anliegen und der zugehörigen Governance auseinanderzusetzen, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie auf Dauer an ihren Werten festhalten.
Philanthropisches Engagement ist für Familien auch eine Dialogplattform. „Wenn es gelingt, einen sicheren und vertrauenswürdigen Raum zu schaffen, kann man viel bessere Gespräche führen und Menschen zu grösseren Herausforderungen und mehr Kooperation motivieren“, sagt Marie-Louise Gourlay, Global Director von Forward Global, einem Netzwerk philanthropischer Geldgeber aus 22 Ländern.
Besonders gern wollen sich jüngere Familienmitglieder beteiligen. Den wenigsten gefällt es, wenn die Portfolios für Philanthropie und Kapitalanlagen getrennt gehalten und von ganz verschiedenen Werten bestimmt werden. Family Offices sind gut aufgestellt, um diese Gespräche zu erleichtern, sei es durch kuratierte Workshops oder durch strukturierte Familientreffen.
Quelle: Bank of America, 2024
Beratung ist gefragt
Trotz der wachsenden Bedeutung von Family Offices haben viele von denen, die Familienvermögen verwalten, oft keinen philanthropischen Hintergrund, sondern sind Banker, Juristen oder Manager. Sie brauchen laut Courth bei der komplexen Strukturierung und Messung von Impact oft Unterstützung.
„Es ist wichtig, alle Familienmitglieder zu Wort kommen zu lassen und die Gespräche zu moderieren, damit alle Gehör finden und gemeinsame Ziele vereinbart werden. Man kann für das Ziel, das man erreichen will, eine Vision formulieren und für den Weg dorthin eine Mission“, sagt er. Berater wie das Philanthropie-Team von Pictet sind zunehmend gefragt, weil sie dieses Know-how beisteuern können. Sie konzipieren einen Governance-Rahmen, empfehlen Vehikel und helfen Familien, Partner zu bewerten und Ergebnisse zu messen.
Quelle: Pictet, 2025
Berater wie das Philanthropie-Team von Pictet sind zunehmend gefragt, um dieses Fachwissen bereitzustellen – sie entwerfen Governance-Rahmenwerke, empfehlen Vehikel und helfen Familien dabei, Partner zu bewerten und Ergebnisse zu messen.
In dem Masse, wie Family Offices Philanthropie zum festen Bestandteil ihrer Tätigkeit machen, verändert sich auch die Definition dessen, was unter einem Erbe verstanden wird. Für viele Familien ist Vermögen nicht mehr nur eine Ressource, die es zu bewahren gilt, sondern ein Mittel, um einen dauerhaften Purpose zu erzeugen. Die Professionalisierung der Philanthropie im Family Office stellt sicher, dass Werte – und zwar eben nicht nur Vermögenswerte – über Generationen hinweg weitergegeben werden. So entsteht ein Vermächtnis, das sich nicht nur in Kapital bemisst, sondern im geleisteten Beitrag.