Risiken für die nationale Sicherheit und die Umwelt: Doppelte Bedrohung für Portfolios

Risiken für die nationale Sicherheit und die Umwelt: Doppelte Bedrohung für Portfolios

Risiken aufgrund des Verlusts an biologischer Vielfalt, des Klimawandels und geopolitischer Konflikte verstärken sich gegenseitig und können zu Turbulenzen an den Finanzmärkten führen. Investoren können diese Dynamik nicht länger ignorieren.

Der Krieg im Nahen Osten hat die Investoren dazu veranlasst, sich mit Fragen der nationalen Sicherheit, Schwankungen der Energiepreise und Störungen im Handel auseinanderzusetzen. Diese Themen sind zweifellos dringlich. Doch hinter den unmittelbaren Auswirkungen auf den Markt verbergen sich langfristige Risiken im Zusammenhang mit dem Konflikt – Risiken, die Investoren auf eigene Gefahr ignorieren.

Konflikte schwächen Ökosysteme und beschleunigen die Umweltzerstörung, was die Wirtschaft und die Finanzmärkte noch lange nach dem Ende der Kampfhandlungen destabilisieren kann. Zwei Monate nach Ausbruch des Konflikts treten die Umweltschäden bereits deutlich zutage. Schäden an Entsalzungsanlagen in Trockenregionen beschleunigen die Verknappung von Grundwasser. Angriffe auf Raffinerien und Industrieanlagen bergen die Gefahr einer Kontamination von Bewässerungssystemen und landwirtschaftlichen Lieferketten und verschärfen die Ernährungsunsicherheit.

Diese Belastungen können zu systemischen Risiken führen. Laut einem Bericht des Institute and Faculty of Actuaries und der Anglia Ruskin University führen der Verlust an biologischer Vielfalt, Klimaschocks und geopolitische Konflikte zu potenziell katastrophalen Erschütterungen im Finanzsystem und in der Gesellschaft.1

„Ökologische Risiken und Risiken für die nationale Sicherheit hängen eng zusammen.“ „Während einiger dieser Krisen sind die Anlagenportfolios Risiken ausgesetzt, die sich überlagern und gegenseitig verstärken“, erklärte Yi Shi, Client Portfolio Manager und Impact Specialist bei Pictet Asset Management, kürzlich auf einer Kundenkonferenz.

Hier kommt das Konzept der planetaren Belastungsgrenzen
ins Spiel, mit denen sich Umweltrisiken in die richtige Perspektive rücken lassen. Nach diesem Konzept werden neun entscheidende ökologische Aspekte bestimmt, darunter Klima, Süsswasser, Landnutzung und biologische Vielfalt. Dann wird der sichere Handlungsspielraum abgesteckt, innerhalb dessen sich unsere wirtschaftlichen Aktivitäten abspielen sollen.2

In ihrem Vortrag auf der Veranstaltung betonte Prof. Beatrice Crona vom Stockholm Resilience Centre, dass sieben der neun Grenzen aufgrund der sich beschleunigenden Umweltzerstörung inzwischen überschritten worden seien, wodurch sich der Planet weiter von den stabilen Bedingungen der letzten 10.000 Jahre entferne.

Die jüngsten Daten vom September 2025 zeigen, dass die Versauerung der Ozeane inzwischen einen kritischen Schwellenwert überschritten hat, was die marinen Ökosysteme gefährdet und die Fähigkeit der Ozeane als wichtiger Stabilisator für das Klima auf unserem Planeten schwächt.3

Entscheidend ist, dass diese Überschreitungen der Grenzen nicht isoliert auftreten. „Das Überschreiten der einen Grenze könnte eine Überschreitung einer anderen Grenze nach sich ziehen“, so Prof. Crona weiter. Wenn beispielsweise die Temperaturen steigen, gibt es mehr Dürren und die Waldbrandgefahr in den Wäldern nimmt zu, was ihre Fähigkeit zur Kohlenstoffspeicherung mindert. In einigen Teilen der Welt geben Waldökosysteme mehr klimaschädliche Gase ab als sie binden. Dies führt zu einem Teufelskreis, der den sicheren Handlungsspielraum weiter einschränkt.4

Wissenschaftler, die alle möglichen Wechselwirkungen innerhalb der planetarischen Grenzen untersuchen, haben Hinweise darauf gefunden, dass mehr als die Hälfte dieser Wechselwirkungen in einem signifikanten Zusammenhang stehen und die allermeisten davon, nämlich 81%, sich zudem gegenseitig verstärken.

Wir befinden uns in einer Polykrise. Es geht nicht darum, einfach wieder zum „Business as usual“ zurückzukehren, sondern darum, wie wir Belastungen standhalten und uns trotzdem positiv entwickeln.
— Professor Beatrice Crona

Prof. Crona wies darauf hin, dass die Zunahme extremer Wetterereignisse – wie beispielsweise die Überschwemmungen in Valencia oder die Waldbrände in Schweden – jetzt schon konkrete wirtschaftliche Schäden verursacht – von Schäden an wichtiger Eisenbahninfrastruktur bis hin zu sinkenden Grundstückswerten in Überschwemmungsgebieten.

Diese Veränderungen verlaufen selten linear: Druck kann sich allmählich aufbauen und bleibt oft unerkannt, bis kritische Schwellenwerte erreicht sind, jenseits derer die Systeme abrupte und irreversible Veränderungen erfahren können.5

Die Natur spielt in diesem Zusammenhang eine doppelte Rolle: Gesunde Ökosysteme können Schocks abfedern, während geschädigte Ökosysteme das Risiko verstärken. Der Verlust der Integrität der Ökosysteme mindert die Widerstandsfähigkeit der Biosphäre und untergräbt damit das Fundament, auf dem die Volkswirtschaften ruhen. Diese Problematik wird zunehmend als Frage der nationalen Sicherheit anerkannt. So hat etwa die britische Regierung den Zusammenbruch von Ökosystemen ausdrücklich als systemisches Risiko bezeichnet.6

„Der Zusammenbruch des Ökosystems ist eine Frage der nationalen Sicherheit – das wird leider immer realer“, sagt Prof. Crona. 

Wissenschaftler bezeichnen das Zusammentreffen verschiedener Belastungsfaktoren als „Polykrise“ – also eine Vielzahl globaler Krisen, die in einer Weise miteinander verknüpft sind, die von erheblicher Tragweite ist und verheerende Auswirkungen hat, aber kaum verstanden wird.7

„Wir befinden uns in einer Polykrise. Es geht nicht darum, einfach wieder zum „Business as usual“ zurückzukehren, sondern darum, wie wir Belastungen standhalten und uns trotzdem positiv entwickeln“, erklärt Prof. Crona den Teilnehmern.

Aufbau resilienter Portfolios und Entwicklung tragfähiger Lösungen

Für Investoren rückt damit der Aufbau eines resilienten Portfolios in den Vordergrund, das Umbrüchen standhält und sich an veränderte Rahmenbedingungen anpassen kann. Wir nutzen das Konzept der planetarischen Belastungsgrenzen, um zu ermitteln, wo sich Umweltbelastungen am ehesten als finanzielle Risiken niederschlagen und wo sich Lösungen herausbilden können.

Shi berichtet, dass Unternehmen, insbesondere solche mit Anlagevermögen und komplexen globalen Lieferketten, damit begonnen hätten, naturbedingte Risiken in ihre Resilienzplanung und Stresstests einzubeziehen. So investieren Unternehmen beispielsweise in Lösungen wie effiziente Kühltechnologien und intelligente Wassermanagementsysteme, die ihnen helfen, sich an extreme Klimarisiken anzupassen.8

Unternehmen betrachten den Verlust an biologischer Vielfalt jedoch nicht nur als ein Risiko, das es einzudämmen gilt; viele sehen darin auch eine geschäftliche Chance. Shi fügt hinzu, dass Pictet Asset Management eine Gruppe spezialisierter Unternehmen ermittelt habe, die innovative Lösungen entwickelten, um die Hauptursachen für den Verlust an biologischer Vielfalt, wie Klimawandel, Wasserknappheit, Umweltverschmutzung und nicht nachhaltige Landnutzung, anzugehen. Und was für Investoren besonders wichtig ist: Diese Lösungsanbieter zeichnet aus, dass ihre Umsätze langfristig vorhersehbarer sind und ihr Umsatzwachstum stärker ist, was sich in den Margen, den Gewinnen und der Aktienperformance widerspiegelt. Der Erwerb von Beteiligungen an solchen Unternehmen ist eine Möglichkeit für Investoren mit Umweltzielen, eine klare Übereinstimmung zwischen Umweltauswirkungen und finanzieller Rendite zu erreichen.

Besonders attraktiv sind die Chancen in der Stromversorgungskette. Allein in Europa wird der Strombedarf zwischen 2023 und 2030 voraussichtlich um 60% steigen, bedingt durch den Ausbau von KI-Rechenzentren, Elektrofahrzeuge und Reindustrialisierung. Dies setzt die veraltete Netzinfrastruktur unter Druck. Rund 40% des europäischen Stromnetzes sind über 40 Jahre alt und nähern sich damit dem Ende ihrer üblichen Lebensdauer.9

Ein veraltetes Stromnetz und alte Verbindungsleitungen führen zu höheren Stromverlusten und mehr Einschränkungen beim Anschluss neuer erneuerbarer Energiequellen, was das Risiko von Stromausfällen erhöht – ein typisches Problem bei der Dekarbonisierung. Die zunehmende Häufigkeit und Intensität von Wetterextremen erhöht die Wahrscheinlichkeit von netzbedingten Stromausfällen weiter. Dies führt zu einem erheblichen Investitionsbedarf in die Modernisierung und Resilienz des Stromnetzes.

Für langfristig orientierte Investoren muss es in der Hauptsache darum gehen, Lösungsanbieter zu ermitteln, deren Geschäftsmodelle von Natur aus auf Umweltziele ausgerichtet sind. In diesen Fällen gehen finanzielle und ökologische Leistung Hand in Hand. „Jeder Umsatz, der durch den Verkauf und den Einsatz einer Umweltlösung erzielt wird, geht mit einer messbaren positiven Wirkung einher“, sagt Shi.

Umweltinvestitionen haben noch eine weitere Dimension. Das Engagement der Aktionäre, also die Einflussnahme auf ein Unternehmen, seine Umweltbilanz zu verbessern, kann Investoren dabei helfen, Risiken zu mindern und langfristigen Wert zu schöpfen. Insbesondere der Dialog mit Portfoliounternehmen über konkrete, erreichbare und fristgebundene Ziele kann das Bewusstsein schärfen, zu einem besseren Management naturbezogener Abhängigkeiten und Auswirkungen anregen und die Entwicklung zukunftsorientierter Lösungen fördern.

Die Messung der Auswirkungen ist im Bereich der Lieferketten nach wie vor schwierig. Zwar sind vorgelagerte Sektoren wie Bergbau und Forstwirtschaft bei den grossen Akteuren relativ gut erfasst, doch bestehen weiterhin Datenlücken – insbesondere in den Midstream-Segmenten der Fertigung und Verarbeitung, die von Kleinst-, Klein- und Mittelunternehmen dominiert werden.

Dank des anhaltenden Engagements institutioneller Investoren haben jedoch einige der führenden Unternehmen im nachgelagerten Bereich oder mit direktem Kundenkontakt die Rückverfolgbarkeit ihrer Lieferketten und ihre Offenlegung verbessert. So können Investoren nun Unternehmen ermitteln, die im Vergleich zu ihren Mitbewerbern geringere negative Auswirkungen auf die Natur und eine geringere Abhängigkeit von der Natur entlang der Wertschöpfungskette aufweisen. Indem sie Lösungen unterstützen und sich für Veränderungen einsetzen, können Investoren messbare positive Wirkungen auf die Umwelt mit nachhaltigen finanziellen Erträgen in Einklang bringen.

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