Frauen in der Tech-Branche stärken
Frauen den Weg in die Tech-Branche ebnen
June Angelides ist beruflich vielseitig. Sie ist Frühphaseninvestorin bei Samos Investments, Gründerin einer Programmierakademie für Mütter, Mentorin für aufstrebende Gründerinnen und Investorinnen sowie eine gefragte Rednerin. Im Jahr 2018 wurde sie von der Financial Times zu einer der einflussreichsten Führungskräfte im Tech-Sektor gekürt, 2020 erhielt sie den britischen MBE-Orden für ihre Verdienste um Frauen in der Tech-Branche. Angelides verfügt über vielfältige Kompetenzen, doch eines ist ihren beruflichen Stationen gemeinsam: Sie erkennt Veränderungen in unserem Arbeitsleben mit klarem Blick – und es ist ihr ein großes Anliegen, dass alle Menschen in dieser Welt des Wandels ihr Potenzial entfalten können.
June Angelides, Gründerin von Mums in Tech. Bildnachweis: @Yellow Belly
Angelides’ eigene Karriere begann sich etwa 2015 zu diversifizieren, in ihrer Elternzeit bei der Silicon Valley Bank. Im Zuge der Arbeit für das „Early Stage Banking“-Team der Bank in London erlebte sie das rasche Wachstum von Startups aus nächster Nähe mit und war inspiriert davon. „Ich sah, wie schnell Ideen umgesetzt werden können“, meint sie. „Und wie es scheint, wollte ich diese Herausforderung auch selbst annehmen.“
Denn natürlich dachte niemand, dass Mütter sich für so etwas interessieren.
Den Beschluss zur Umsetzung einer eigenen Idee fasste die in London geborene und in Lagos aufgewachsene Unternehmertochter, als sie programmieren lernen wollte, jedoch keine Ausbildungsstätte fand, in die sie ihr Baby mitnehmen konnte. „Denn natürlich dachte niemand, dass Mütter sich für so etwas interessieren.“ Angelides entschied sich dafür, das selbst in die Hand zu nehmen, und gründete im Juni 2015 die Programmierakademie Mums in Technology. Vier Monate später konnten die ersten Studentinnen mit der Ausbildung beginnen. Sie ging Partnerschaften mit globalen Tech-Unternehmen ein und half Hunderten von Frauen dabei, in dem Bereich durchzustarten – die Demokratisierung des Zugangs zu Karrierechancen in der Tech-Welt war ihr wichtig.
Für Angelides war das auch persönlich ein großer Schritt, mit dem sie sich einen Namen machte und für den sie später den MBE-Orden erhielt. „Ich habe gelernt, mich öffentlich zu Wort zu melden und für diese Anliegen stark zu machen“, erzählt sie. „Vor allem, weil ich wusste, dass dadurch andere Menschen eine Chance bekommen.“ Doch Programmierkenntnisse waren nicht die einzige Hürde für Frauen und Gründerinnen aus unterrepräsentierten Gruppen. Angelides stellte fest, dass viele Schwierigkeiten hatten, Investoren zu gewinnen. Mit Mums in Tech arbeitete sie daran, Qualifizierungslücken zu schließen; danach, im Jahr 2018, wusste sie bereits, welches Problem sie als Nächstes angehen wollte: den Zugang zu Kapital.
June Angelides bei der Leitung eines Pitch-Workshops von The Tech Bros.
Den Zugang zu Venture Capital verbreitern
Seit ihrem Eintritt bei Samos Investments im Jahr 2018 arbeitet Angelides daran, das Problem von der Kapitalseite her anzugehen. Sie hat selbst gesehen, dass Gründerinnen häufig anders behandelt werden. „Männern und Frauen werden unterschiedliche Fragen gestellt.“ Tendenziell dreht sich das Gespräch mit Männern um „alle potenziell positiven Entwicklungen“, während es bei Frauen darum geht, „herauszufinden, wie ihr Vorhaben scheitern könnte“. Laut dem „Small Business Equity Tracker 2023“ der British Business Bank entfielen im Vereinigten Königreich 2022 gerade einmal 2 Prozent der gesamten Eigenkapitalinvestitionen auf rein weibliche Gründerteams. Angelides glaubt, dass sich diese Schieflage durch mehr Rechenschaftspflicht beheben lässt. Samos sei eines der ersten VC-Unternehmen gewesen, das die Diversität von Investitionen und deren Entwicklung nachverfolgt habe. Ihr geht es nicht um die Erfüllung von Quoten, sondern um die unvoreingenommene Bewertung von Projekten.
Ich habe gelernt, mich öffentlich zu Wort zu melden und für diese Anliegen stark zu machen. Vor allem, weil ich wusste, dass dadurch andere Menschen eine Chance bekommen.
Aus Angelides’ Sicht muss die ganze VC-Branche repräsentativer werden. Das ist einer der Gründe, warum sie eine Mentoring-Gruppe für Menschen leitet, die den Einstieg in dieses Berufsfeld anstreben. „Wie dieser Einstieg konkret gelingen kann, liegt ja nicht unbedingt klar auf der Hand“, meint sie. „Ich wurde häufig gefragt, wie das funktioniert. Also beschloss ich, diese Informationen für so viele wie möglich zugänglich zu machen.“ Als sie selbst im VC-Sektor anfing, traf sie nur selten auf andere Frauen, insbesondere auf Partnerebene, doch seither hat sich die Lage deutlich verbessert. In den letzten zehn Jahren hat sich der Anteil der rein männlich besetzten Investmentteams in britischen VC-Firmen laut Diversity VC mehr als halbiert. Auch andere Initiativen arbeiten daran, die Gleichstellung von Männern und Frauen in dem Bereich zu fördern. Angelides sitzt im Beirat von The Tech Bros, einem von Frauen geführten VC-Fonds und Accelerator für Gründerinnen in der Tech-Branche. „Ihnen geht es darum, der hypermaskulinen Unternehmenskultur im Silicon Valley etwas entgegenzusetzen und mit der Legende aufzuräumen, dass die Tech-Branche zu kompliziert ist für Frauen, dass wir bestenfalls Beauty-Unternehmen aufbauen.“
Mit neuen Arbeitsmodellen umgehen
Im Jahr 2026 gründete Angelides erneut ein Unternehmen: Anfangs „The Portfolio Method“, seit Juli MyPholyo, bietet eine KI-Plattform, mit der Fachkräfte datengestützt an den Aufbau bzw. die Gestaltung ihrer Portfolio-Karrieren herangehen und sich einen besseren Überblick über Einkommensquellen, Preisgestaltung und Chancen verschaffen können. Angelides denkt, dass nichtlineare Karrieren mit verschiedenen Rollen und Einkommensquellen immer häufiger werden. Doch die Finanzinfrastruktur sei nach wie vor großteils auf einen einzigen Job und ein einziges Gehalt ausgelegt.
Nach Mums in Tech widmet sie sich mit MyPholyo nun wieder aktuellen Veränderungen in der Arbeitswelt. Dass für so eine Plattform Bedarf besteht, wurde ihr bei einem ihrer Workshops klar – viele Teilnehmende erzählten, wie schwer es ihnen fiel, sich die Kräfte einzuteilen, die Sichtbarkeit ihres Angebots zu gewährleisten und ein angemessenes Honorar durchzusetzen. Dank ihrer eigenen Portfolio-Karriere, die begann, als das noch lange nicht üblich war, konnte Angelides bei der Entwicklung der Plattform auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Aus ihrer Sicht ist es entscheidend, zu klären, ob es einen roten Faden gibt, der die verschiedenen Bereiche verbindet. „Es lohnt sich, darüber nachzudenken, bevor man zu irgendetwas Ja sagt.“
Biografische Eckdaten
BSc-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften am University College London, Eintritt bei Thomson Reuters als Marktanalystin.
Wechsel zur Silicon Valley Bank in London, zunächst im Venture Debt-Team, später im Bereich Entrepreneur Banking.
Gründung der Programmierakademie für Mütter, Mums in Technology.
Einstieg bei Samos Investments als Frühphaseninvestorin, Platz sechs auf der von der Financial Times und Inclusive Boards erstellten Liste der Most Influential BAME Tech Leaders in the UK.
Verleihung des MBE-Ordens für ihre Verdienste um Frauen in der Tech-Branche.
Aufnahme der Tätigkeit als Angel-Investorin in von Frauen geführte Startups, Aufbau eines Portfolios mit mittlerweile neun Unternehmen.
Gründung von Levare Ventures, einem Angel-Investor-Konsortium, das in wachstumsstarke Startups in Afrika investiert, Berufung in die Taskforce on Women-Led High-Growth Enterprise der britischen Regierung.
Berufung in den Beirat von The Tech Bros, einem von Frauen geführten VC-Fonds und Accelerator, Gründung der KI-gestützten Fintech-PlattformMyPholyo für die Optimierung mehrerer Einnahmequellen.