Tech-Rivalität zwischen den USA und China

Baut China seine Führung bei Elektrofahrzeugen auch auf KI aus?

Die langjährige Führungsrolle der USA bei technologischen Innovationen wird zunehmend in Frage gestellt. China ist bei der Elektrifizierung und bei sauberer Energie schon heute auf Platz eins und macht riesige Fortschritte bei der Aufholjagd zu den USA im derzeit angesagtesten Tech-Bereich: KI. Wer sich hier die Vormachtstellung sichern kann, wird die Welt auf Jahrzehnte prägen.

Derzeit besteht das Risiko einer digitalen Entkopplung zwischen den USA und China, bei der sich die jeweils Verbündeten zu zwei Blöcken mit unterschiedlichen KI-Ökosystemen zusammenschließen. Eine solche Blockbildung würde die Zusammenarbeit behindern und könnte sich negativ auf das globale Innovationsgeschehen auswirken. Möglich ist aber auch ein Festhalten am Status quo: Wenn es den USA gelingt, ihre Führungsposition bei Spitzentechnologie im Hardwarebereich und bei KI-Modellen zu behaupten, bleibt China zumindest vorerst auf Platz zwei. In diesem Fall ist mit anhaltend hohen Spannungen zwischen den beiden Supermächten zu rechnen. Am wenigsten wahrscheinlich (aber geopolitisch ausgesprochen folgenreich) ist ein Szenario, in dem China in Führung geht und die Vorherrschaft der USA im Bereich KI grundlegend in Frage stellt. Das ist keineswegs ausgeschlossen, denn Peking arbeitet mit Nachdruck daran, Fortschritte im Bereich KI zu erzielen, unter anderem durch Bemühungen zum Aufbau einer eigenen Chipindustrie.

Am Beispiel der Plattform Airbnb und deren intensiver Nutzung der Qwen-KI-Modelle von Alibaba im Kundenservice zeigt sich, dass China gegenüber der westlichen Konkurrenz deutlich aufholt, wenn es sie nicht bereits überholt hat.

Aus den Entwicklungen bei sauberen Energietechnologien lässt sich eine weitere Lehre ziehen: Hier konnte sich China dank frühzeitigen politischen Engagements in fast jedem Segment eine unangefochtene Führungsposition sichern. Weltweit werden heute rund 80 Prozent aller Solarmodule in China produziert, auch bei der Herstellung von Windkraftanlagen ist das Land führend. Zudem werden rund 70 Prozent aller Elektrofahrzeuge (EV) in China produziert, und sechs der zehn führenden Batteriehersteller haben ihren Sitz im Reich der Mitte. Der Westen läuft Gefahr, bei der Elektrifizierung weiter ins Hintertreffen zu geraten, wenn er in seinen Bemühungen nachlässt oder es versäumt, die entsprechenden industriepolitischen Maßnahmen umzusetzen.

Digitale Entkopplung

Im Januar 2025 brachte das chinesische KI-Startup DeepSeek ein Large Language Model auf den Markt, dessen Leistung mit der des US-Konkurrenten OpenAI vergleichbar ist – jedoch zu einem Bruchteil der Kosten und Rechenleistung. Das war nicht nur der Startschuss im Wettlauf der USA und Chinas um die Vorherrschaft im Bereich KI. Es war der Beginn einer neuen Ära, in der Regierungen folgenschwere Entscheidungen treffen müssen, von denen ihre technologische Unabhängigkeit, ihre wirtschaftliche Zukunft und ihre politischen Allianzen abhängen.

In dieser dynamischen Phase dreht sich alles um die Ressourcenfrage. Enorme Investitionsausgaben sind seit Langem kennzeichnend für die Herangehensweise der USA. So geben die großen Forschungslabors des Landes routinemäßig mehr als USD 100 Mio. für das Training ihrer KI-Modelle aus. DeepSeek hingegen kam bei der Entwicklung seines leistungsstarken V3-Modells aufgrund innovativer Techniken und neuartiger Rechnerarchitekturen mit weniger als einem Zehntel dieses Betrags aus.

Der Wettbewerb ist mittlerweile extrem hart geworden. Bislang sind die USA dank besserer Hardware im Vorteil. Mit Blick auf Chinas Abhängigkeit von ihrer Technologie haben die USA strenge Exportkontrollen für moderne, für die KI-Entwicklung unverzichtbare Halbleiterchips eingeführt.

Damit sollte der Fortschritt in China gebremst werden, doch stattdessen befeuerten die Maßnahmen das Streben nach technologischer Souveränität. Chinas Reaktion fiel rasch und entschlossen aus, und einer der Tech-Giganten des Landes konnte sich als ernstzunehmender Konkurrent für US-Chipentwickler etablieren. Unterdessen arbeiten die USA an einer Stärkung ihrer eigenen Lieferketten.

Bei der Herstellung der modernsten Chips hinkt China zwar noch hinterher, doch die Unternehmen des Landes sind inzwischen geschickt darin, alternative Lösungen zu finden – vom Leasing von Offshore-Rechenzentren bis zum Anlegen von Vorräten. Damit stellen sie ihre Entschlossenheit unter Beweis, Versorgungsengpässe mit allen Mitteln zu überwinden.

„The Dutch Visionary Futures for Humankind, 2025“
In der ETPathfinder-Anlage in Maastricht werden Komponenten für die Gravitationswellen-Detektion in einem Reinraum unter schwingungsfreien Bedingungen getestet, um das Universum besser hören zu können.

Foto: Luca Locatelli

Goldrausch der Gegenwart

Angesichts der stark sinkenden Kosten für Grundlagenmodelle verlagern sich die wirtschaftlichen Chancen auf die Anwendungsebene, also den Einsatz dieser leistungsstarken Technologie in der Praxis. Die dadurch ausgelöste Innovationsflut hat viele Branchen erfasst, vom Gesundheitswesen über die Fertigungsindustrie und die Verbrauchertechnik bis hin zu staatlichen Dienstleistungen. China setzt sich besonders offensiv für eine flächendeckende Nutzung ein. Laut einer Studie aus dem Jahr 2023 flossen 43 Prozent des chinesischen KI-Risikokapitals in den Fertigungssektor, verglichen mit nur 3 Prozent in den USA. Einem weiteren Bericht zufolge setzte die Hälfte aller chinesischen Unternehmen KI bereits aktiv ein, während dies bei ihren US-amerikanischen Pendants nur auf ein Drittel zutraf. Diese rasche Integration dank niedrigerer Kosten und aufgeschlossener Nutzer könnte einen kräftigen Produktivitätsschub auf nationaler Ebene nach sich ziehen. Chinesische Startups passen ihre Geschäftsmodelle bereits an, indem sie für die Entwicklung maßgeschneiderter Geschäftslösungen leistungsstarke, kostengünstige Open-Source-Modelle nutzen, ohne dass dafür vorab hohe Trainingskosten anfallen.

Lehren aus der EV-Produktion

Chinas Vorreiterrolle bei der Elektrifizierung – insbesondere im Bereich der Mobilität – zeigt auf, wie das Land bei KI vorgehen könnte. Auch bei EV hatte China einen technologischen Rückstand aufzuholen, doch durch massive Investitionen in die Produktion der Fahrzeuge selbst sowie in die Batterietechnologie konnten enorme Fortschritte erzielt werden.

Im Jahr 2024 waren mehr als 20 Prozent der weltweit verkauften Neuwagen E-Autos, und China konnte seine Führungsposition behaupten. Die Verkaufszahlen des Landes überschritten die 11-Millionen-Marke – das sind mehr E-Autos als nur zwei Jahre zuvor auf der ganzen Welt verkauft wurden.

Patentanträge
Anzahl der Anmeldungen nach dem Patent Cooperation Treaty nach Region oder Land

Durch die rasant gestiegenen Verkaufszahlen von E-Autos in den vergangenen fünf Jahren hat sich der Fahrzeugbestand insgesamt stark verändert. Zwischen 2021 und Ende 2024 verdreifachte sich der weltweite EV-Bestand auf fast 58 Mio. Fahrzeuge; das entspricht rund 4 Prozent aller PKW und senkt den täglichen Ölverbrauch um mehr als 1 Mio. Barrel. Doch E-Autos sind geografisch nicht gleichmäßig verteilt: In China hat jedes zehnte Auto einen elektrischen Antrieb, in Europa hingegen nur jedes zwanzigste – wobei der Großteil der Fahrzeuge aus China stammt. 2024 entfielen mehr als 70 Prozent der weltweiten EV-Produktion auf das Reich der Mitte.

Knackpunkt Akku

Eines der größten Hindernisse für einen Umstieg auf EV ist die Sorge von Autobesitzern, ihrem Fahrzeug könnte zu einem ungünstigen Zeitpunkt der Strom ausgehen. Von diesem Problem sind kleinere, günstigere E-Autos (mit einer durchschnittlichen Reichweite von etwa 150 km) in aller Regel stärker betroffen als größere E-Autos, bei denen Reichweiten von 500 km und mehr keine Seltenheit sind.

Auch bei der Akkutechnologie und -fertigung verteidigt China einen Spitzenplatz. Chinesischen Wissenschaftlern ist nicht nur eine schrittweise Verbesserung der bestehenden Lithium-Ionen-Batterien mit Flüssigelektrolyt gelungen, sie wagen sich auch in neue Bereiche wie die Feststofftechnologie vor, die einen Quantensprung bezüglich der Energiedichte erwarten lässt. Zugleich haben chinesische Hersteller ultraschnelle Ladestationen entwickelt, die es in puncto Ladegeschwindigkeit mit herkömmlichen Tankstellen aufnehmen können.

 KI ist zweifellos eine revolutionäre Technologie. Bislang hatten die USA hier die Vorherrschaft, doch ihre Führungsposition ist nicht abgesichert, und China ist ein starker Gegner. Auch wenn China noch Aufholbedarf hat – und dabei erhebliche Hindernisse wie die US-Einfuhrbeschränkungen für die neuesten Chip- und Chipfertigungstechnologien zu überwinden hat –, ist der Status quo keineswegs in Stein gemeißelt. Noch vor kurzem stand China bei EV und Akkus in technologischer Hinsicht ganz am Anfang. Sollte die Entwicklung bei KI ähnlich verlaufen, hat das Reich der Mitte die Möglichkeit, die Welt nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.

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Die Autoren

Alexandre Tavazzi, Senior Srategic Asset Allocation Adviser

Alexandre Tavazzi kam 1997 zu Pictet und war zunächst Senior Equity Analyst für den japanischen Markt und Co-Manager des Japan-Aktienfonds der Bank.

Davor war er für Wako Finance und Lehman Brothers sowie drei Jahre als Senior Equity Analyst und Fondsmanager für den japanischen Markt bei Ferrier Lullin tätig. Er hat einen Abschluss der Universität Lausanne.

Christopher Seilern, Senior Equity Analyst

Christopher Seilern stieß 2008 zum Anlageteam von Pictet Wealth Management, wo er mit dem Bereich Global Technology betraut wurde. Er befasst sich mit börsennotierten Unternehmen, die den technologischen Wandel vorantreiben, und insbesondere damit, wie solche Assets sinnvoll in Kundenportfolios eingebunden werden können.

Vor seinem Eintritt bei Pictet war Seilern als Senior Buy-Side Analyst bei dem auf die Tech-Branche spezialisierten Long/Short-Equity-Hedgefonds Brompton Cross Capital in New York tätig. Zudem verfügt er dank seiner Tätigkeit für Collins Stewart & Co sowie Bryan Garnier & Cie in London über umfassende Erfahrung als Sell-Side Equity Analyst für den europäischen Technologiesektor.

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