Taler, Taler, du musst wandern: Wie sich die globale Mobilität in der Vermögensverwaltung verändert
Wachsende globale Mobilität in der Vermögensverwaltung
Immer mehr Menschen und Familien haben sich in den letzten Jahrzehnten zu Weltbürgern entwickelt und sich durch Auslandsreisen, internationale Familienbande, Geschäftsbeziehungen und Partnerschaften grenzüberschreitend vernetzt. In der heutigen Welt der erhöhten politischen Spannungen und wirtschaftlichen Herausforderungen geht es bei globaler Mobilität aber nicht nur um einen veränderten Lebensstil, sondern auch darum, Unternehmen und Vermögen angesichts der zunehmenden Unsicherheit krisenfest zu machen.
„Die Möglichkeit, den Wohnsitz zu wechseln oder mehrere Staatsbürgerschaften zu besitzen, war für wohlhabende Familien immer ein Nice-to-have“, sagt Nicolas Uster, Head of Wealth Planning bei Pictet Wealth Management. „Doch angesichts der Unberechenbarkeit der Weltlage sehen darin heute viele ein Must-have – nicht nur für sich selbst, sondern auch in Bezug auf Vermögenswerte und Unternehmen.“
„Die Möglichkeit, den Wohnsitz zu wechseln oder mehrere Staatsbürgerschaften zu besitzen, war für wohlhabende Familien immer ein Nice-to-have, doch angesichts der Unberechenbarkeit der Weltlage sehen darin heute viele ein Must-have – nicht nur für sich selbst, sondern auch in Bezug auf Vermögenswerte und Unternehmen.“
Ein Plan B für unsichere Zeiten
Micha-Rose Emmett, Mitbegründerin und CEO von CS Global Partners, einem Beratungsunternehmen, das Staatsbürgerschafts- und Wohnsitzlösungen anbietet, erklärt, die Rückkehr des Kriegs im Nahen Osten und in Europa habe dazu geführt, dass sich die Menschen mehr Sorgen um ihre Sicherheit machen. Dies sei ein Hauptmotiv dafür, sich um die Staatsbürgerschaft eines anderen Landes zu bemühen.
„Die Menschen sehen, wie in verschiedenen Regionen wieder Konflikte aufflammen, und das macht sie nervös“, sagt sie. „Sie empfinden es als riskant, an ein einziges Land gebunden zu sein, und suchen daher nach einem Plan B.“ Dem Global Peace Index zufolge sind dieses Jahr insgesamt 97 Länder weniger friedlich geworden – so viele wie in keinem anderen Jahr seit der erstmaligen Erstellung des Index im Jahr 2008. Das kann das Wohlergehen und die Sicherheit von Familien gefährden und es für Unternehmen schwieriger machen, ihr Geschäft effizient zu betreiben. Außerdem kann sich die Frage stellen, ob Vermögen ins Ausland geschafft werden sollte – was mit einem weiteren Wohnsitz oder einer doppelten Staatsbürgerschaft wiederum wesentlich einfacher ist.
Bei der Überlegung, ob die Familie, das Unternehmen oder das Vermögen umziehen sollen, ist Sicherheit ein wichtiger Faktor. Ein weiterer sind globale Pandemien. Die strengen Lockdown-Maßnahmen, die viele Regierungen während der Covid-19-Pandemie verhängt haben, haben deutlich gemacht, wie wichtig Optionen sind, um in geografischer Hinsicht mobil bleiben zu können. Gleichzeitig haben die massiven Lieferkettenprobleme gezeigt, wie wichtig es für Unternehmen ist, bei der Beschaffung und Produktion geografisch flexibel zu sein.
Laut Nicolas Uster von Pictet Wealth Management hat die Pandemie den Menschen auch vor Augen geführt, dass es nie zu früh ist, sich Gedanken über das eigene Vermächtnis zu machen – vor allem darüber, wie man sein Vermögen am besten an die nächste Generation weitergibt. „Für alle, die verdrängt hatten, was wir alle uns lieber nur als ferne Zukunft vorstellen, war das ein Weckruf“, sagt er. „Plötzlich wollten vermögende Privatpersonen und Familien ihre Nachlassplanung überdenken und dabei auch Ländervergleiche anstellen.“
„Für alle, die verdrängt hatten, was wir alle uns lieber nur als ferne Zukunft vorstellen, war das ein Weckruf.“
Mit Zweitwohnsitz stehen viele Türen offen
Nicolas Uster von Pictet weist jedoch darauf hin, dass ein Plan B, der Menschen, Unternehmen und Vermögen schützt, Möglichkeiten eröffnet, sich nicht nur für das Ungewisse zu wappnen, sondern auch zu erleben, was andere Länder für Vorzüge haben. „Die Menschen haben verstanden, dass die Welt zwar voller Herausforderungen ist, aber auch voller Chancen“, sagt er. „Durch einen Umzug oder einen Wechsel der Staatsbürgerschaft haben Sie mehr Auswahl in fast jeder Hinsicht – von der Temperatur und dem Klima, in dem Sie leben möchten, bis hin zu der Möglichkeit, neue Einnahmequellen für Ihr Unternehmen zu erschließen.“
Rund um die Welt erkennen immer mehr Länder, dass es sinnvoll ist, Wege zu Aufenthaltsgenehmigungen und Staatsbürgerschaften anzubieten, weil es Kapital und Fachleute anlockt. So entsteht gerade ein gesunder Wettbewerb um Spitzenkräfte. Einige Länder, darunter Neuseeland, Italien, Japan und die USA, versüßen dieses Angebot sogar mit zusätzlichen Anreizen.
„Die Menschen haben verstanden, dass die Welt zwar voller Herausforderungen ist, aber auch voller Chancen.“
Neben finanziellen Anreizen bieten viele Länder Staatsbürgerschaften oder Aufenthaltsgenehmigungen im Rahmen eines Investitionsprogramms an. Hier spricht man gemeinhin von „goldenen Pässen“ bzw. „goldenen Visa“. Nach Angaben des Beratungsunternehmens Henley & Partners bieten inzwischen mehr als 100 Länder solche Programme an, darunter 60 Prozent der EU-Staaten. Ein wichtiger Grund für ihre wachsende Beliebtheit ist, dass Familien zunehmend über mehrere Länder verstreut sind. Wenn Kinder oder Enkel im Ausland studieren oder leben, ist die Möglichkeit, frei zu reisen, um Angehörige zu besuchen, wichtiger denn je.
Peter Vogel, Professor für Familienunternehmen und Unternehmertum am International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne, sieht einen der größten Vorteile von Zweitwohnsitzen und Mehrstaatigkeit jedoch darin, dass sie Einzelpersonen und Familien helfen können, resilienter zu werden, weil sich mehr Möglichkeiten bieten, Vermögen über mehrere Länder zu verteilen.
Besonders wichtig ist dies in der heutigen Welt der rasanten Veränderungen. „Man muss seine Risiken geografisch so diversifizieren, wie man Kapitalanlagen auf verschiedene Anlageklassen verteilt, damit keine Stelle alles kontrolliert“, sagt er. „Die Menschen denken zunehmend darüber nach, Vermögen nicht nur auf mehrere Banken zu verteilen, sondern auch auf mehrere Länder – neben ,Multi-Banken‘ also auch ,Multi-Jurisdiktionen‘. Das ist einfach eine umsichtige Planung, denn man weiß ja nie, was passiert.“
„Die Menschen denken zunehmend darüber nach, Vermögen nicht nur auf mehrere Banken zu verteilen, sondern auch auf mehrere Länder – neben ,Multi-Banken‘ also auch ,Multi-Jurisdiktionen‘. Das ist einfach eine umsichtige Planung, denn man weiß ja nie, was passiert.“
Vermögensschutz durch Diversifizierung
Aus dem diesjährigen World Citizenship Report geht hervor, dass bei den finanziellen und geschäftlichen Zielen für 40,5 Prozent der Befragten die Möglichkeit zu einer effektiveren Anlageverwaltung, Portfoliodiversifizierung und Vermögensplanung ein Hauptmotiv für eine zweite Staatsbürgerschaft wäre. Dies lag um 5,5 Prozentpunkte über der obersten Priorität des Vorjahres (Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten).
Abgesehen von den Vorteilen, die goldene Visa und Pässe für die Aufnahmeländer mit sich bringen, können Zweitwohnsitze und doppelte Staatsbürgerschaften Portfolios resilienter machen, weil sie eine zusätzliche Diversifizierung von Vermögen und Asset-Allokation ermöglichen. In Jahren mit erhöhter politischer Unsicherheit wie dem laufenden, in dem in wichtigen Volkswirtschaften Wahlen anstehen, kann die größere globale Mobilität, die ein Zweitwohnsitz mit sich bringt, bei der Absicherung gegen die damit verbundenen Handels- und Inflationsrisiken helfen.
Laut Nicolas Uster von Pictet erfordert geografische Diversifizierung aber auch gründliche Planung – nicht nur um das Beste aus dem Angebot zu machen, sondern auch um zu verstehen, welche Regelungen das internationale Recht vorsieht und wie sie sich auf Personen mit Zweitwohnsitz oder doppelter Staatsbürgerschaft auswirken. „Es ist wichtig, einen Plan B oder sogar einen Plan C zu haben, aber diese Pläne sind mit komplexen Entscheidungen verbunden, die genau überlegt sein wollen.“