Heute gewinnt das Thema der Family Governance an Bedeutung. Häufig wird es bei sogenannten Soft Skills angesiedelt, gilt als wenig greifbar und erntet kaum Anerkennung, obwohl viele Finanzberater, ohne es zu wissen, sich darauf beziehen.
"Ich will mein Vermögen an meine Kinder weitergeben. Was empfehlen Sie mir?" Viele Experten der Kapitalanlage und Family-Office-Spezialisten kennen diese Anliegen. Einige antworten, indem sie bestimmte Rechtsformen und/oder eine massgeschneiderte Vermögensallokation vorschlagen. Diese Lösungen stützen sich auf mit der Family Governance verbundene Aspekte.
Nur wenige Berater werden sich für nichtfinanzielles Kapital der Familie interessieren, dabei ist diese Dimension gerade der entscheidende Faktor für die erfolgreiche Weitergabe von Vermögen an die jeweils nächste Generation. Unter nichtfinanziellem Kapital ist Humankapital (Talent, Gesundheit,…), geistiges Kapital (Bildung, Erfahrung,…), spirituelles Kapital (Glaube, Traditionen,…) und soziales Kapital (Wertvorstellungen, Philanthropie,…) zu verstehen*. Das Ziel besteht darin, die Mitglieder der Familie zu einen, indem man ihre Stärken und Interessen identifiziert und verbindet. Der finanzielle Aspekt befindet sich häufig im Zentrum des Anliegens, aber wie bei einem Eisberg ist dies nur der sichtbare Teil. Der Erfolg der Weitergabe baut vielmehr auf Aspekten des nichtfinanziellen Kapitals auf. Letztere stehen also im Zentrum einer erfolgreichen finanziellen Weitergabe und nicht umgekehrt.
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Das typische Familienunternehmen, wie es Millionen gibt, ist die Frucht der Arbeit eines Unternehmers. Gemäss dem klassischen Schema führt er die Geschäfte der Gesellschaft und integriert dabei im Laufe der Jahre einige Familienmitglieder ins Unternehmen. In bestimmten Fällen wächst die Tätigkeit der Gesellschaft ganz erheblich, wie auch ihr Wert. Diese Etappe ist die Quelle der Finanzvermögensbildung. In diesem Stadium erwägen bestimmte Unternehmer manchmal, Finanzanlagen als ähnliche Rentabilitätsquellen wie ihr Industrievermögen einzusetzen.
Sie vergessen dabei leicht, dass die Kapitalrenditen, die sie in ihrem eigenen Unternehmen erwirtschaften können, oft höher sind, als die Erträge aus Finanzanlagen. Die grossen Vermögen werden häufiger durch Unternehmertätigkeit geschaffen. Nach unserer Erfahrung ist es daher manchmal besser, einem Kunden die Wiederanlage seiner Dividenden in seinem Unternehmen zu empfehlen, um seine Ziele zu erreichen, seien sie finanzieller oder anderer Art.
Beschleunigt wird die Einführung einer Family Governance meist, wenn die Frage der Nachfolge des Gründers aktuell wird. Letzteren kann mitunter ein beherrschender und alles kontrollieren wollender Charakter auszeichnen, so dass er die Weitergabe des Vermögens an künftige Generationen bis auf das kleinste Detail selbst planen will. In diesem Fall benötigen die Geschäftsleitung der Gesellschaft wie auch die Vermögensstruktur häufig eine gründliche Neuordnung, damit die Weitergabe sichergestellt werden kann. Mit etwas mehr Abstand hätte der Unternehmer die Frage der Nachfolge schon einige Jahre im Voraus planen und über eine geeignete Kommunikation und Organisation innerhalb der Familie vorwegnehmen können. Zu seiner Entlastung sei vermerkt, dass es leider schwierig ist, bei Karrierebeginn grosse Erfolge zu planen.
In der Regel wird die Weitergabe jedoch umso heikler als die Frage dringender wird. Denn die Strukturen von Familienbetrieben sind oft das Ergebnis emotionsbedingter Entscheidungen, insbesondere was die Beförderung von Familienmitgliedern an wichtige Posten oder in wichtige Rollen betrifft. Eine unabhängige Beratung ermöglicht es, emotionsbegründete Entscheidungen der Realität gegenüberzustellen. Es ist manchmal sogar nötig, die Familie vor sich selbst zu schützen. Der emotionelle Aspekt muss auch bei der Organisation der Governance-Struktur für die Verwaltung des Finanzvermögens sorgfältig berücksichtigt werden.
In einem langfristigen Konsultationsprozess lassen sich somit die Schutzwälle eines Familienunternehmens befestigen, um jedem modernen Trojanischen Pferd standzuhalten. Zwar scheint die Verwaltung des Finanzkapitals von höchster Wichtigkeit, aber der Umgang mit dem nichtfinanziellen Vermögen, das sich im Laufe der Generationen ansammelt, ist ein Schlüsselfaktor. Aus Erfahrung wissen wir, dass Erfolg und Fortbestehen einer Dynastie von der Fähigkeit der Familie abhängen, ihre verschiedenen nichtfinanziellen Ressourcen und deren Komplementarität im Zeitverlauf einzubeziehen. Die Aspekte Schutz, Wachstum und Kontrolle der Entwicklung des Finanzkapitals können so über Generationen hinweg mit Zuversicht umgesetzt werden.
Alles weist also darauf hin, dass das A und O einer erfolgreichen Weitergabe von Vermögen innerhalb der Familie eine intelligente und unabhängige Beratung im Bereich der Nachfolge und der Governance ist.