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Dieser Artikel wurde in der Tageszeitung Le Temps vom 17. May 2010 auf Französisch veröffentlicht.

Exchange Traded Funds (ETF)

28. Juli 2010

Eignen sich ETFs als Instrumente für die Vermögensverwaltung?

Die sogenannten Exchange Traded Funds (ETF) – wörtlich "börsengehandelte Fonds" – sind aufgrund ihrer Liquidität, Flexibilität und Kosteneffizienz ein bei Anlegern beliebtes Instrument zur Konstruktion von Portfolios.

 
 

Von Jean-Louis RuizVerantwortlicher der Abteilung Quantitative & Fund Investments

Pictet Wealth Management

Genf


 

Seit dem ersten ETF in Form des SPDR S&P 500 im Jahr 1993 ist das ETF-Universum explosionsartig gewachsen. Heute werden zirka 2600 ETFs mit einem Volumen von über 1000 Milliarden Dollar an verschiedenen Börsenplätzen gehandelt.

Die ETF-Konstruktionsmethoden haben sich in den letzten Jahren stark verändert, vor allem durch die Einführung der Methode der sogennanten synthetischen Replikation (über Derivate) in Abgrenzung zu der sogenannten physischen Replikation (kompletter oder teilweiser Kauf der Komponenten des Basiswerts). Dadurch sind auch neue Risiken entstanden, wie jene von bestimmten strukturierten Produkten. Es ist daher wichtig, die Hauptrisiken dieser Instrumente aufzuzeigen.

Das erste Risiko betrifft ihre Fähigkeit, die Entwicklung ihres Basiswerts zu replizieren. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass sich die Performancewerte verschiedener ETFs mit dem gleichen Basiswert je nach Zusammensetzung nach einer gewissen Zeitspanne stark voneinander unterscheiden können. Dieses Risiko hat sich noch verstärkt, seit es ETFs gibt, die exotische, wenig liquide Anlageklassen replizieren oder Hebelwirkungen bzw. Leerverkäufe anbieten.

Ein Beispiel sind ETFs mit oder ohne Hebelwirkung, die eine gegenteilige Performance des Basiswerts bieten. Die Nachbildung auf Grundlage der Tagesperformance und die Verwendung von Derivaten können deutliche Performanceunterschiede zum Basiswert bewirken. Dies ist insbesondere bei ETFs mit Hebel der Fall, die nur durch die Auswirkungen der mathematischen Zusammensetzung der Tagesperformance eines Titels für einen bestimmten Zeitraum ein Mehrfaches dieser Tagesperformance bieten.


ETFs bieten einen effizienten Zugriff auf viele verschiedene Sektoren, Themen und Anlagestile.

 

Ein weiteres Beispiel sind Rohstoff-ETFs, die, mit Ausnahme von Edelmetallen, meistens in Form von Terminkontrakten gehandelt werden. Die Performanceverluste aufgrund der regelmässigen Erneuerung dieser Verträge bei jeder Fälligkeit können jedoch sehr hoch ausfallen, insbesondere in einer Contango-Situation (Terminkontraktkurse steigen, je näher die Fälligkeit). So ist es fast unmöglich, die an den Kassakursen gemessene Entwicklung zahlreicher Rohstoffe zu replizieren.

Der zweite Hauptrisikofaktor betrifft die Gegenparteien. So stieg die Anzahl von Swap-Instrumenten (Vertrag über den Tausch von Zahlungsströmen mit einem Finanzinstitut) in den vergangenen Jahren explosionsartig, vor allem in Europa, wo die auf dieser Art von Nachbildung basierenden ETFs drei Viertel des Marktes ausmachen. Doch bei diesen Verträgen besteht ein Gegenpartei-Risiko gegenüber dem Emissionsinstitut. Natürlich wurden mehr oder weniger effiziente Schutzmassnahmen von den ETF-Emittenten getroffen, vor allem auch weil die europäische Gesetzgebung (OGAW) eine Absicherung in Höhe von 90% des ETF-Werts vorsieht. Das heisst, dass das Verlustrisiko für den Anleger im Falle eines Ausfalls der Gegenpartei theoretisch 10% des ETF-Werts beträgt. Das Problem der Entsprechung zwischen der Sicherheit und dem Basiswert, den der ETF versucht zu replizieren, bleibt jedoch bestehen.

Bei den ETCs (Exchange Traded Commodities/Certificates) und ETNs (Exchange Traded Notes) - die oft mit den ETFs gleichgesetzt werden, obwohl sie auf einer anderen Struktur basieren – ist das Gegenparteirisiko oft grösser, da das Produkt selbst betroffen ist. Auch hier bieten die Emittenten mehr oder weniger wirksame Schutzmechanismen durch Sicherheiten (Collateral) oder Versicherungsverträge von Drittparteien an. In jedem Fall ist eine sehr genaue Überprüfung der Zusammensetzung des Produkts unabdingbar.

Schliesslich existieren seit kurzem auch ETFs, die auf wenig liquiden Strategien wie Hedgefonds oder Private Equity basieren. Um solche Strategien treu in einem ETF abbilden zu können, müsste man künstliche Liquidität kreieren, was unserer Erfahrung zufolge unmöglich ist. Tatsächlich verwenden diese ETFs entweder statistische Modelle mit noch unzureichender Abbildungskapazität oder eine Replikation über separate Mandate eines begrenzten Universums von Strategien und Verwaltern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die jüngste Entwicklung von ETFs trotz ihres Rufs als einfaches Produkt eine gründliche Analyse zur Auswahl des richtigen ETFs nötig macht. Für diese Anstrengung erhält der Anleger im Gegenzug den Zugang zu einem sehr diversifizierten Universum. ETFs bieten so einen effizienten Zugriff auf viele verschiedene Sektoren, Themen und Anlagestile. Sie ermöglichen es, sich rasch bei einen Grundtrend zu engagieren und ebenfalls, sich daraus genau so schnell wieder zurückzuziehen. Sie eignen sich besonders gut zur Portfoliokonstruktion über den Core/Satellite-Ansatz und bieten zudem eine Alternative zu bestimmten Derivat-Strategien.